AM RANDE
Das Thema Brasilien bot sich uns in diesem Jahr an und folgt damit auf eine Hommage an den Maler Cícero Dias (Nr. 38, Dezember 2003) und auf Teodoro Rennó Assunçãos Betrachtung zweier „Modernisten“ der zwanziger Jahre (Nr. 36, Dezember 2002).
Drei wichtige Persönlichkeiten Brasiliens werden dieses Mal in einem Ensemble vorgestellt, das auf unserem Kontinent noch recht wenig erschlossen, wenn nicht völlig unbekannt ist: Zunächst geht es um das kaum bekannte und doch in informierten Kreisen sehr anerkannte Werk der Bildhauerin Maria Martins. Denn über diese Formenschöpferin, deren Werke in Frankreich oder in Europa bisher kaum zu sehen waren, sind sich alle Kritiken in ihrer Bewunderung einig. Man wird das hier beurteilen können. Dass sie eine der Musen von Marcel Duchamp war – die als „Modell diente“ für Etant donnés…, jenem provokanten, im Museum von Philadelphia bewahrten Werk – wird eine zwingende Referenz für all diejenigen sein, die sich für den Werdegang von Marcel Duchamp interessieren. Andererseits, und diese Kluft besteht nun einmal, feierte André Breton sie in einem Text von 1947.
Als Nächstes folgen zwei weitere in Brasilien sehr wichtige Persönlichkeiten: Murilo Mendes und Ismael Nery. Der eine ist ein großer Dichter der zwanziger Jahre und der folgenden Jahrzehnte, wovon man sich bei der Lektüre der gelungenen Übersetzungen von Michel Riaudel überzeugen kann – als solche unveröffentlicht, bilden diese zugleich die Gesamtheit der dreizehn Gedichte des Bands Siciliana von 1959, der bisher noch nie ins Französische übersetzt wurde. Eine ausführliche Untersuchung von Davi Arrigucci Jr. begleitet die Übersetzung. Der andere ist eine „Persönlichkeit“, ein Maler, gewiss, man wird es hier sehen können, aber vor allem ein „Original“: Kometengleich – er starb im Alter von 33 Jahren – durchlebte er eine seltsame, oder vielmehr, eine ungestüme persönliche Geschichte, die Murilo Mendes dazu bewegen sollte, das Leben und Werk seines Freundes zum Mythos zu erheben. Sein Erscheinen in dieser Ausgabe ließe sich schon allein mit André Bretons Verehrung der Jugend rechtfertigen — der ja auch Rimbaud für seine Jugend bejubelte. Uns als Europäer verwundert es, dass sich diese beiden, in unzertrennlicher Freundschaft verbundenen, Künstler, als „Surrealisten“ bezeichneten, und sich zugleich und ebenso ausdrücklich als „Katholiken“ bekannten. Dabei gibt es für uns natürlich nur die eine oder die andere Zugehörigkeit. In den fruchtbaren Aufsätzen zum Werk der beiden Autoren wird nachvollzogen, wie sich dieser Gedankenweg ergeben haben mag, über die Idee von der « Existenz des Enigmas » – die Murilo Mendes zum Beispiel im Hinblick auf Vieira da Silva verteidigt – oder über die Idee von der Artikulation der Revolte und des Humors als Antwort auf den Zustand der Welt, „wie sie ist“.
Die Beurteilung dessen divergiert von einem Kontinent zum anderen vollkommen. So musste dem der Aufsatz des Surrealisten Jean-Michel Goutier zum Werk Luis Buñuels entgegen gesetzt werden; dieser nicht nur bezwingende, sondern auch leidenschaftliche Aufsatz stellt surrealistische „Werte“ an den Anfang – Liebe und Freiheit im libertären Sinne – und schließt die Religion, im dogmatischen Sinne, unmissverständlich aus.
Symmetrisch dazu kann das politische Engagement als Utopie gedacht werden. Dazu nun Tàpies, dessen Kunst und Engagement hier analysiert werden: Ramon Tio Bellido tut dies aus der Perspektive seines plastischen Werks sowie seiner öffentlichen Stellungnahmen, und Gilles Lastra de Matias geht dabei von der Artikulation des Ästhetischen und des Politischen in den Schriften dieses katalanischen Malers aus.
Dennoch beinhaltet diese Ausgabe noch weitere Werke, die, ohne das Engagement zurückzuweisen, es jedoch überhaupt nicht zur Schau stellen: Das Werk einer weiteren Künstlerin, Karskaya – präsentiert von Pierre Brullé --, einige intensive und poetische Prosastücke von Michèle Finck, und schließlich, in ihrer Zurückhaltung, die Gedichte von Michel Sicard.
Übersetzt von Ina Pfitzner
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