AM RANDE
Diese Ausgabe von Pleine Marge markiert nicht etwa das Ende sondern vielmehr eine wichtige Etappe: unser zwanzigjähriges Bestehen. Was treibt uns und was hat uns getrieben? Dass nämlich die Poesie seit zwanzig Jahren, immer noch, vor uns ist und bleibt, wie der flüchtige Schatten eines Tieres, doch dessen Form zu uns spricht und nach dem es uns verlangt. Wie jener „Geruch“ von vierzehn italienischen Sprachen innerhalb des Lateinischen, dem Dante in De vulgari eloquentia auf die Spur zu kommen glaubt: einem „Geruch“ der Muttersprache. Die Poesie ist zwar nicht unerreichbar, aber sie schwebt wie ein Geruch – bestimmt und kaum bestimmbar. Die Poesie, die noch vor uns liegt. Die Poesie, so wie wir sie verstehen: Ihr Zwilling ist die Malerei, wenn diese sich dem Oneirismus überlässt.
Seit zwanzig Jahren sind wir auf der Suche nach unseren „Vorfahren“, so wie auch André Breton in seinem Gedicht Pleine Marge, und so sei es uns vergönnt, dass wir altes, unveröffentlichtes Material veröffentlichen, qualitativ ansprechend und mit dem Etikett „surrealistisch“ versehen; doch wir haben auch Aktuelles herausgesucht, das wir jetzt bewundern und haben es einander gegenübergestellt, zueinander in Kontrast gesetzt und in Dialog treten lassen. Wir sind und bleiben Empfänger, die glücklichen Leser faszinierender Texte und starker Bilder, deren Freiheit uns stolz macht und denen eine einzige, herkömmliche Lektüre nie gerecht werden könnte.
In diesem Heft finden sich also Seiten von „stolzen Empfängern“: Breton war ein Adressat des englischen Dichters Young; und jetzt ist John Baker stolzer Leser beider dieser Poeten. Anders lässt es sich auch nicht erklären, dass Villeglé und seine Kalligraphien hier erscheinen. Darin liestman nicht nur seine eigene Referenz und Reverenz an André Breton und Philippe Soupault, sondern auch seine persönliche Entwicklung, über die er selbst--auf Anregung von José Pierre--vor zwanzig Jahren an dieser Stelle Auskunft gab. So erscheint dieser Text hier noch einmal; in seiner Klarheit historisch, umreißt er Villeglés Rolle als „stolzer Empfänger“ und als Räuber abgerissener Plakate, der er nun einmal ist und bleibt. Denn das Wort Surrealist, so glauben wir, bezeichnet weder die Aneignung eines bestimmten Erbes noch einen bestimmten Gehalt an Überzeugungen sondern vielmehr eine Haltung gegenüber der Poesie. Ist denn Villeglé, obwohl ausgewiesener „Neorealist“, nicht mehr Surrealist als viele andere? Somit ist es berechtigt, dass wir dieser Publikation einen bisher unveröffentlichten, kritischen Text von José Pierre beifügen, dem es ja schon oft gelungen ist, uns eine neue Sicht zu eröffnen.
Außerdem beinhaltet das vorliegende Heft einige unveröffentlichte Texte, von deren Existenz bisher niemand wusste: Einzigartige Gedichte aus der Feder von Dora Maar, die in ihrer Zerbrechlichkeit vom Verlassenwerden und vom Verlust erzählen, sowie einige wiederentdeckte Gedichte von Roland Penrose.
Darüber hinaus stützt sich diese Ausgabe auf die großen, unveröffentlichten Poesien unserer Zeit – gezeichnet von Yves Bonnefoy, François Lallier, Michael Edwards –, die scharfsinnigen Bemerkungen des Malers und Schriftstellers Pierre Alechinsky über die Porträts von Artaud und noch dazu die „Maxim’s“ von Giovanna, deren surrealistische Erfindungsgabe uns immer wieder verblüfft.
Schließlich zeigen wir hier noch die starken Bilder von François Rouan mit seinem Begleittext, aus denen die Begriffe einer konstellierten Erfahrung und des „contre-image“ (Gegenbild) entstehen. Wir bieten ebenso Lithographien von Fernando de Szyszlo, einem in Europa noch zu wenig bekannten Maler und Denker, wobei diese von ihren textlichen Ankerpunkten begleitet werden: Darunter sind Bataille und Breton, Mauss, Beckett, ein Inkatext – Seiten, die Szyszlo zugleich als Basis und als Sprungbrett dienen.
Auf diese Weise können und werden sie sich verbreiten: Lesarten und Blickwinkel, Bewunderungen und Leidenschaften.
Übersetzt von Ina Pfitzner
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