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AM RANDE

In dieser neuen Ausgabe von Pleine Marge formuliert sich Kunstkritik vor allem im Humormodus. Ist es denn überhaupt „Kunstkritik“? Statt sich das Gewand des Kunstkritikers überzustreifen, der er gar nicht ist, schlüpft Léon Werth, der engagierte und 1955 verstorbene Schriftsteller, den man mit ein paar Seiten zu Matisse beauftragt hatte, in einem beklemmenden Narrenspiel in die Haut eines überdrüssigen und unendlich wohlhabenden Sammlers, dessen Laune und Geschmack sich letztendlich reduzieren… auf Matisse. Am anderen Ende dieses Bandes sinniert Christian Doumet, Lyriker und Kritiker unserer Zeit, über das Imaginäre des Objekts, das eben dieses zum „Kunst“objekt macht: so stark ist die Macht des Verlangens, die im unvollendeten („ungeschaffenen“) Teil der Kunst enthalten ist, beim Künstler wie auch beim Betrachter seines Werks.

Es ist Pleine Marge immer wichtig, der Geschichte des Surrealismus und seines Umkreises viel Raum zu geben. So bilden die „Phases-Bewegung“ und ihre Zeitschrift Phases, eine internationale Publikation mit unregelmäßigem Erscheinungsrhythmus, den Gegenstand einer sorgfältigen Studie, die diese mit Edouard Jaguer (1924-2006) verbundene Bewegung in den künstlerischen Debatten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verortet. Ein weiterer Artikel ist dem erstaunlichen Werk von Marianne Van Hirtum gewidmet, der belgischen Lyrikerin und Künstlerin, die 1988 im Alter von 53 Jahren verstarb.

Schließlich kommen wir nun zur Poesie, der nicht weniger Platz eingeräumt wird. Der Novalis-Leser Christian Désagulier, von dem wir schon einige Gedichte veröffentlicht haben, legt uns in diesem Band seine Lesart der Hymnen an die Nacht vor, die die erste Versfassung dieser Hymnen, wo das materialistische Denken und der enzyklopädische Geist des Dichters besonders spürbar sind, wieder aufnimmt und neu schreibt statt sie zu übersetzen. Antoine Raybaud, dessen Lyrik vielleicht weniger bekannt ist als seine wissenschaftlichen Aufsätze, erinnert uns an Orpheus’ Verlust der Eurydike und dann an dessen Zerstückelung: Was im Mythos schon an vielfältigen kulturellen Schichten vorhanden ist, wird bei ihm noch überlagert von den grellen Schichten seiner eigenen Sensibilität und seiner vielseitigen Bildung.

Zwei Beispiele trockenen Humors beschließen das Ganze: Dominique Forget, illusionsloser Moralist und Schreibtheoretiker, erleuchtet uns wieder einmal mit seinen „Taschenlampen“, tiefschürfenden oder leichtfüßigen Aphorismen, die an keine erinnern, die man anderswo lesen kann. Christine Bonduelle, auch sie ganz und gar sie selbst, eine Frau, d.h. Hausfrau, allerdings – im geografischen Sinne – von den Antipoden, begeistert uns mit ihren Kofferwörtern, erfundenen Wörtern, Lautspielen, die sich zu einem verbalen Feuerwerk zusammenfügen.

Übersetzt von Ina Pfitzner

 

 
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