Exil und Heimat in Braila, Neapel, Hamburg.
Häfen in Panaït Istratis Mes départs und Paul Celans “Hafen”.
Ina Pfitzner, Donaldsonville, Louisiana
“Wir waren ein Hafen”, sagte Beatle John Lennon über seine Heimatstadt Liverpool und nannte die Schallplatten der dort einlaufenden amerikanischen Seeleute als Haupteinfluß auf das Entstehen der Beatles und ihre Musik. Vom Liverpooler Cavern Club ging es zum Star Club nach Hamburg, und von dort in die USA, nach Indien und um die ganze Welt. Vor 20 Jahren wurde John Lennon in einer Hafenstadt der Neuen Welt, in seiner Wahlheimat New York, erschossen. Dieser Artikel ist seiner Erinnerung gewidmet.
Die Stadt Liverpool war Ende des 19. Jahrhunderts der bedeutendste europäische Auswanderungshafen in Richtung Amerika. Im Jahre 1907 machte ihm Neapel diesen Rang streitig und verwies Bremen, Liverpool und Hamburg auf die Plätze. Damals begaben sich jährlich 240.000 EmigrantInnen von Neapel aus auf die lange Reise, vor allem Italiener, aber auch Griechen, Türken und Syrier. Durch Hamburg reisten hauptsächlich osteuropäische Juden und Skandinavier, sowie praktisch alle mittel- und osteuropäischen Nationalitäten. (Read 1993:31) Auch in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bildete Liverpool eine wichtige Verbindung nach Nordamerika, allerdings weniger für Auswanderer als für den Import amerikanischer Moden und R&B-Schallplatten, die die örtliche Jugend, darunter auch die Beatles, begeisterten. (Doney 1981:1) Hamburg war nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges schnell wieder die bürgerlich-dekadente Stadt geworden, als die es noch heute bekannt ist. Dorthin “… machten sich die fünf Beatles auf den Weg zu Glück und Reichtum. Statt dessen fanden sie eine Reihe von schäbigen Stripklubs vor, in einer der wildesten und verruchtesten Städte des Kontinents. Es war ein Hafen: Das Laster war ein wichtiger Industriezweig und es gab eine Tradition des organisierten Verbrechens.” (McKeen 1989:10) Doch vor allem die Raffinesse und der Intellektualismus der Hamburger Kunststudenten gaben dem Image der Beatles den letzten Schliff, und das rauhe Milieu und die harte Arbeit in St. Pauli konditionierten sie für ihren internationalen Erfolg. Auch der Dichter Paul Celan (1920-1970) hielt sich Mitte der sechziger Jahre in Hamburg auf und verarbeitete seine Eindrücke in seinem Werk, u.a. in dem Gedicht “Hafen”.
Im Gegensatz zu Hamburg, das sowohl das schicke Eppendorf als auch die Reeperbahn evoziert, gilt Neapel auch heute noch bei den Italienern eher als Stadt der Arbeitslosen, der Gauner und Kleinkriminellen, als Stadt der sozialen Kontraste. Gleichzeitig ist es eine landschaftlich und kulturell interessante, malerisch schöne Stadt, ein wenig der “Pfau” (O-Ton Andrei Codrescu) unter den italienischen Städten. In einem Reiseführer wird sie zum Beispiel wie folgt beschrieben:
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“Naples, dualiste et enchâssée dans la nation italienne, est mal perçue. Peut-être avec quelques raisons: des densités supérieures aux 2000 habitants au km2, 20 km de long entre Pozzuoli et Portizi, une agglomération qui s’achemine vers le million et demi d’habitants. Elle est un port, une usine, un centre économique, et un musée, sous le vernis du pittoresque, l’ampleur des scènes de rue, l’exubérance d’un peuple porté sur la mise en scène, et l’encombrement de l’anecdote due aux touristes, il y a aussi les grands ensembles, les taudis, le chômage et la délinquance. Tout ce qui fait une ville, même si elle n’est pas spécialement ‚napolitaine’.” (Dumain 1990:397) |
Zu diesen internationalen Berühmtheiten gehörte die rumänische Stadt Braila zwar nie, doch ist sie in Rumänien vor allem für ihr kosmopolitisches Flair bekannt. Am Unterlauf der Donau im Süden des Landes gelegen, ist Braila nach Constanza der zweitgrößte Hafen des Landes. Die Stadt zählt ungefähr 200.000 Einwohner und ist ein bedeutendes industrielles Zentrum. Noch dazu ist Braila der Geburtsort des Schriftstellers Panait Istrati (1884-1935), der in vielen seiner Romane über seine Heimatstadt schrieb. Ein Zeitgenosse Istratis beschrieb die Stadt wie folgt:
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“Und das alte Braila, das Braila von Panaït Istrati und das Braila meiner Jugend, Myrrhe, Weihrauch, Gebißstangen, Manilahanf, Fuhrleute, Feigen, Messerschmiede, Speckschwarten. Die aus der Kufe getrunkene Donau, auf Kletteblättern verkaufter Kaviar, Diamanten und drückende Armut, Bürgermeister, die mit dem Volk zechen und mit den Dienstmädchen tanzen, Kirschberge, Weintraubenflüsse, Melonenhaufen, Blasmusikkapellen im zentralen Stadtpark, Moscheen, Türken, Juden, Kutschen, Russen, Deutsche, Tausende Schiffe, die jährlich den Hafen anlaufen, und die ganze Stadt mit ihrem Duft nach Kolonialwaren und Delikatessen, nach Arbeitslust und fürstlicher Belohnung, nach guten und niederträchtigen Bojaren, nach einem noch nicht gesehenen, aber splitterweise verkauften Jerusalem, nach Jungfrauen, deren Bauch mit Brombeeren bemalt wird, damit das Kind Form annimmt, nach Seidenraupen, die die Sohle zerfressen, nach Vater und Mutter und nach allen Verwandten. Braila—ewiges Braila.” (Neagu 1984:5-6.) |
In Istratis autobiographischem Text Mes départs von 1928 steuert der Erzähler gleich mehrere Häfen an: die ersten beide Teile Fin d’enfance. Premiers pas dans la vie und Capitaine Mavromati spielen in Braila, wo er geboren wurde und aufwuchs; im dritten Teil Pour atteindre la France schlägt er sich von Piräus nach Neapel durch und befindet sich schließlich per Direttissimo auf dem Weg nach Alexandria in Ägypten. Sein eigentliches Ziel, Marseille und damit Frankreich, bleibt zumindest in diesem Text unerreichbar, obwohl auf ein späteres Happy End verwiesen wird: “Hé, la France!…Rien à faire, en 1907! Ce sera donc dans dix ans et…par une autre porte!…” (Istrati 1928:220) Außerdem wurde Istrati schließlich in Frankreich entdeckt und verfaßte diesen, wie auch viele andere Texte, auf Französisch.
Paul Celan wurde ebenfalls in Rumänien geboren, in der Bukowiner Stadt Czernowitz, die kurz zuvor noch zu Österreich gehört hatte, nacheinander von sowjetischen, deutschen und rumänischen Truppen besetzt war und sich heute in der Ukraine befindet. Im Pariser Exil schrieb der jüdische Dichter deutscher Sprache kurz nach einem Besuch in Hamburg ein Gedicht mit dem Titel “Hafen” (aus dem Band Atemwende von 1967).
Aus diesen beiden sehr unterschiedlichen Werken, Panaït Istratis Mes départs und Paul Celans “Hafen”, läßt sich eine ähnlich komplexe Definition und Analyse des Exils als existentieller Situation ableiten. Der Hafen ist dabei Ort und Gleichnis des Exil, sei er nun Heimat im traditionellen Sinne, wie im Falle Istratis, oder gern besuchtes Reiseziel, wie im Falle Celans. Das stereotype Bild von Häfen wird in beiden Texten zugleich bedient und unterlaufen. Dabei ist es keineswegs ein Widerspruch, daß der Begriff “Hafen” in der Alltagssprache meist mit Zuflucht, Geborgenheit, Heimkommen assoziiert wird: “havre” und “abri” sind Synonyme für das französische “port”; “arriver à bon port” sagt man, wenn man nach beschwerlicher Reise gut angekommen ist, “in den Hafen der Ehe einlaufen” deutet ebenfalls auf ein Ankommen, das Ende einer turbulenten Reise, hin. Man geht in einem Hafen vor Anker, um zu rasten und auszuruhen, vielleicht auch um ein Zuhause zu finden, heimisch zu werden. Falls er es noch nicht war, ist oder wird der Hafen eine Art Heimat, jedoch niemals der erwartete Ort der Ruhe und Beschaulichkeit. Das liegt auch daran, daß Hafenstädte Freizügigkeit und Weltoffenheit, Laster und Ausschweifungen nicht nur verheißen sondern auch wahr machen.
Der Hafen, und das wird in den beiden hier untersuchten Texten deutlich, ist zugleich Ausgangsort und Endpunkt des Exils. Er hat eine nahezu mythische, fast archetypische Rolle, ist Lokalität des Schicksals, verbindet Geschichte und Modernität, Fernweh und Heimweh, eine Funktion, der weder Bahnhöfe noch Flughäfen gerecht werden können. “Heimat”, und damit das etwas intimere und weniger grandiose “Zuhause”, ist dem “Exil” üblicherweise diametral entgegengesetzt. In Mes départs und “Hafen” fallen diese beiden Begriffe jedoch zusammen. Das Exil wird Zuhause, und das Zuhause ist auch Exil. Häfen, als Orte der Ankunft und der Abfahrt, der Auswanderung und der Einwanderung, verkörpern beides par excellence.
Die Überlagerung von Exil und Heimat wird auch in dem Beatles-Titel “Back in the U.S.S.R” deutlich. Von einer Flugreise zurückgekehrt preist der Erzähler/Sänger die Vorzüge seiner angeblichen Heimat, der UdSSR. Das Lied ist jedoch sprachlich und faktisch zweideutig, vor allem, weil man ja weiß, daß die Beatles eben nicht aus der UdSSR kamen und auch nie dorthin gereist sind. Da die beschriebene Heimreise per Flugzeug aus Miami erfolgt, könnte das erwähnte Zuhause jedoch auch der Kontinent, die gute Alte Welt per se sein. Die Zeile “It’s good to be back home” (Es ist schön, wieder zu Hause zu sein) mag u.a. heißen, daß es eben immer wieder einmal angenehm ist, “back home”, d.h. ‚da, wo ich herkomme‘, zu sein. Die hier spielerische, sprachliche Austauschbarkeit von Zuhause und Nichtzuhause, d.h. von Heimat und Exil, ergibt sich bei Istrati aus der Handlung, während sie bei Celan ebenfalls auf sprachlicher Ebene erzielt wird.
Dabei bezieht sich der Begriff Hafen natürlich vorrangig auf die Hafenstadt als Wohnumgebung und urbanen Raum, mit ihrem Völkergemisch aus Matrosen und Prostituierten, aus Angekommenen, Abfahrenden und Durchreisenden – Exilanten eben. Der Hafen als Industriegelände, als Anlegeplatz und Handelsraum, bildet dafür eher den Subtext, den Soundtrack sozusagen, der bisweilen in den Vordergrund tritt. Das trifft auch auf die späteren Beatles-Alben zu, in denen gelegentlich dissonante Geräuschkompositionen aufwallen, die mit ihrem Quietschen, Klirren, Scharren, Rattern und Schlingern an den Hafenlärm im Hintergrund des erwähnten John-Lennon-Interviews erinnern, so z.B. am Ende des Titels “Strawberry Fields Forever” (1967). Bei Istrati werden die Hafengeräusche in Verbindung mit Reminiszenzen an den geliebten Fluß hörbar:
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“Je me trouvais au bord du plateau, très élevé en cet endroit, et l’apparition brusque du fleuve ami me rappela violemment la perte prochaine d’une liberté que j’allais vendre. Le ciel sombre, le Danube sablonneux, la forêt de saules tout endeuillée, les sirènes des bateaux: autant de cris sinistres, le roulement des voitures dans le port: glas funèbre… Une pluie fine se mit à tomber…” (Istrati 1928 :27-28) |
Im letzten Teil von Celans “Hafen” wird die Hafentechnik schließlich selbst Protagonist des Gedichts und entwickelt sogar, “lautlos” wie es heißt, ein bizarres Eigenleben: “bis drüben am zeitgrünen Uhrturm/die Netz-, die Ziffernhaut lautlos/sich ablöst--ein Wahndock,/schwimmend, davor/abweltweiß die/Buchstaben der/Großkräne einen/Unnamen schreiben, an dem/klettert sie hoch, zum Todessprung, die/Laufkatze Leben,/den/baggern die sinn-/gierigen Sätze nach Mitternacht aus,/nach ihm/wirft die neptunische Sünde ihr korn-/
schnapsfarbenes Schleppseil,/zwischen/zwölf-/tonigen/Liebeslautbojen…” Aus dieser Aufzählung wird deutlich, daß die Beschreibung der Hafenanlage hier metaphorisch verwendet wird und fast die Züge eines Lebewesens annimmt. Dennoch ist der hier bedichtete Hafen kein Ort, an dem Menschen zu wohnen scheinen.
In Mes départs wird die Stadt Braila in realistischer Manier aus der Sicht des Einheimischen dargestellt. Istrati schildert den einst bedeutenden Flußhafen als schillernden, ‚multikulturellen‘ Ort, in dem sich die türkischen und griechischen EinwanderInnen ihre nationalen Eigenarten bewahrt haben:
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“Des Grecs rêveurs et libertins; des Turcs aux visages sévères; de jeunes femmes dolentes, craintives à force d’être trop tyranniquement aimées, éternelles amoureuses aux beaux yeux mélancoliques, riches de sourcils démesurément arqués, lascives et séductrices à faire oublier Dieu et adorer l’Enfer.” (Istrati 1928 :23) |
Obwohl als Rumäne in der rumänischen Kultur geboren und aufgewachsen, befindet sich Panaït als Kind eines früh verstorbenen griechischen Vaters bereits im Exil. Auf seiner unbestimmten Suche, durch dieses Exil verursacht und es dann wiederum konkretisierend und verstärkend, nähert er sich zwar immer mehr seinen fremden Wurzeln, und damit einer Art Heimat, an, entfernt sich jedoch immer mehr von seinem früheren Zuhause. Diese Suche besteht einerseits in einem nomadischen Herumwandern als Tagelöhner und “Palikaraki”, aber auch und vor allem im Studium.
Zu Beginn des Buches, als Zwölfjähriger, sucht der Erzähler Anstellung in einer griechischen Hafenkneipe, wo er Geld verdienen und Griechisch lernen möchte. Beim Erlernen dieser seiner ‚Vatersprache‘ hilft ihm besonders der alte Kapitän Mavromati, der Panaït auf seiner Reise in die Welt des Wissens als Vaterfigur begleitet. Zugleich unterstützt er den Jungen bei der Beherrschung der Muttersprache, des Rumänischen, nicht zuletzt mit Hilfe des Dictionar Universal al Limbei Romane, de Lazar Seineanu, das er dem kleinen Panagaki schenkt:
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“Un homme brisé venait de me mettre entre les mains un trésor: chaque page contenait un monde de connaissances; chaque mot m’ouvrait des horizons dont je ne me doutais guère.” (Istrati 1928:88) |
Mit dem Erlernen einer neuen Sprache und Kultur entdeckt der Erzähler eine neues Universum außerhalb der Heimat: “je changeais d’univers toutes les minutes.” (Istrati 1928:89). Der Eintritt in die Welt von Sprache und Literatur bedeutet zugleich einen Reifeprozeß im Lacanschen Sinne; der Junge verläßt nicht nur sein physisches Zuhause, sondern begibt sich, wenn auch immer noch in seiner Heimatstadt, in die Fremde. Dieses Exil ist einerseits das einer anderen Sprache und Kultur, deren Sproß er durch das bloße Wissen um die Identität seines Vaters bereits in sich trug; es ist aber auch das Exil der “Wissenden” im allgemeinen, derer, die die Begrenzung von Sprache und dem, was sie ausdrücken kann, erkannt haben. Es ist auch das Exil, das manche als das eines jeden Dichters bezeichnen. Dabei möchte der kleine Panaït gerade deshalb unter Griechen die Sprache erlernen, um eben sein Exil des Ahnens aber Nichtwissens zu überwinden, um gewissermaßen zu seinen Wurzeln, d.h. “heim” zu gelangen. Dieser Prozeß hat tatsächlich ein neues Zuhause bei den griechischen EinwanderInnen zur Folge, aber eben auch ein neues Exil—das Exil, das die Wissenden in einer Welt der Ignoranz verspüren und das den Jungen von seinen rumänischen Kameraden trennt.
Wie der Titel des Buches verrät, gibt es mehrere Abschiede und nur diese; ein Folgeband mit dem Titel “Mes arrivées” wurde nie verfaßt. Trotz der Vitalität der verschiedenen Kulturen in Braila und ihrer Verwurzelung dort, ist sich der Erzähler schon als Junge der Misere ihres Heimatverlusts bewußt und hat Mitleid mit den Einwanderern,
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“ces fragments de nations passionnantes venues à Braila pour faire fortune, rongées par la nostalgie de leurs patries lointaines, et finissant toujours dans nos tristes cimetières, deux fois tristes pour ceux qui meurent en pays étranger.” (Istrati 1928:23-24) |
Am Schicksal seines Freundes Kapitän Mavromati erlebt der Erzähler, daß das Aufgeben des Lebens auf dem Meer, das Stranden und sich Niederlassen in der Hafenstadt Braila, nicht unbedingt die glückliche Rettung bedeutet, sondern auch Schiffbruch, Verlust von Existenz, Liebe und Würde, trauriges Scheitern eines Lebens―Exil. Krank und mittellos, der rumänischen Sprache kaum mächtig, ist Mavromati auf die Almosen von Freunden angewiesen und wird ständig Opfer von Spott und bösen Streichen. Als er als einsamer und gebrochener Mann stirbt (ähnlich der Titelfigur in dem Beatles-Lied “Eleanor Rigby” auf Revolver [1966]), nimmt Panagaki nicht nur von seinem geliebten Freund Abschied, sondern auch von seiner Kindheit: “Adieu, mavra matia! Adieu, mon enfance!”(Istrati 1928:126) Am Ufer der Donau stehend kündigt er seine Arbeitsstelle; am Beginn des nächsten Kapitels wird klar, daß dies zugleich der endgültige Abschied von der Heimat war, denn nun befindet sich der Erzähler in Piräus.
Unter den Griechen in der Taverne und in seiner Freundschaft mit Kapitän Mavromati macht der Erzähler die Erfahrung einer neuen Heimat, die im Kontrast zur Grausamkeit und Herzlosigkeit des rumänischen Kassierers und der anderen Jungen steht. Vor allem schönen die Kephalonitinnen, die er auf seinen Botengängen kennenlernt und die ihn verwöhnen und liebkosen, verzaubern ihn. Sie scheinen in ihrer ethnischen Umgebung geborgen und haben sich ihre sprachliche und nationale Identität im Zusammenhalt der Gruppe erhalten. Wenngleich diese Frauen, ebenso wie seine Mutter, Zuflucht und Geborgenheit, vielleicht sogar so etwas wie Heimat bieten, zieht es Panaït in die Ferne. Er verläßt sein Zuhause bei seiner Mutter, “un foyer tiède et douillet, avec des plats préparés par ma mère et des caresses prodiguées par elle” (Istrati 1928:94) und begibt sich auf Reisen. Einerseits ist das der normale Drang eines jeden Jugendlichen, auf eigenen Beinen zu stehen, was die Beatles in ihrem Lied “She’s leaving home” (1967) am Beispiel eines jungen Mädchens zeigen, das ihren Eltern davonläuft, weil sie sich von ihnen unverstanden fühlt.
Doch bei Istrati ist es neben dem Abenteuergeist eine fast chronische Unfähigkeit, sich ein Zuhause zu schaffen, zu suchen oder zu akzeptieren. Vor allem die Beziehung zu einer Frau scheint so etwas wie Heimat zu bedeuten, die er zwar einerseits ersehnt, doch andererseits fürchtet. In Neapel angekommen, mutterseelenallein, reflektiert er:
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“Loin, mon ami. Loin, ma mère. Et moi, qu’est-ce que je fais ici? Je pense à notre foyer, humble, mais propre, douillet. Je pense aux camarades de mon âge, presque tous mariés, chacun dans sa famille, à son travail. Pourquoi cette malédiction de ne pas pouvoir faire comme eux, comme tout le monde?” (Istrati 1928:162) |
Natürlich gibt es die Phantasie des Ankommens, die Phantasie, in Frankreich, vielleicht sogar in der französischen Literatur, einen Platz zu finden. Frankreich, sagt er, wird in den Ländern des Ostens als “amante idéale” (Istrati 1928:129) angesehen, und erweist sich dann doch eher als eine Art Sirene, die mit ihrem Charme die Reisenden betört und dann herzlos ihrem Scheitern zusieht:
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“… nombre de vagabonds rêveurs se sont éperdument lancés à son appel, bien plus qu’à sa conquête, mais la plupart, les meilleurs peut-être, ont laissé leurs os avant de l’avoir connue, ou après, ce qui revient au même.” (Istrati 1928:129) |
Ähnlich dem in “Norwegian Wood” (Rubber Soul [1965]) von den Beatles besungenen Mädchen, das den Sänger im Stich läßt, ist auch die “ideale Geliebte” Frankreich nur anfangs einladend und hält dann nicht, was sie verspricht oder zu versprechen schien.
In Mes départs gelingt es dem Erzähler nicht, an sein Ziel zu gelangen. Als er als blinder Passagier keine Fahrkarte vorzeigen kann, muß er beim Zwischenhalt in Neapel an Land gehen. Bei dieser, wenn auch ungeplanten, Ankunft in Neapel erscheint ihm die Stadt mit ihrer landschaftlichen Schönheit verheißungsvoll und gastfreundlich.
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“Par une soirée au ciel couvert d’étoiles, Naples ouvre devant ma misère son golfe unique au monde, hisse jusqu’aux nues les lumières de son amphithéâtre, m’accueille dans un enchantement qui me fait pardonner au destin d’avoir contrarié mon désir d’atteindre la France.” (Istrati 1928 :157) |
Bereits am ersten Abend erweist es sich als schwierig, eine angemessene Unterkunft zu finden, und das Heimweh setzt sein. Doch dann:
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“Le lendemain, à sept heures, Naples est là! Naples, la cité sans pareille, le coin du monde dont j’ai entendu dire qu’il fallait le voir, puis mourir!” (Istrati 1928:164) |
‚Neapel sehen und dann sterben‘--dieser Maxime kommt Istrati im Verlauf der Erzählung erschreckend nahe, denn er findet keine Arbeit und kann sich nicht ernähren. Die Ernüchterung setzt ziemlich schnell ein, auch hier kann man nicht bleiben:
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“J’ai connu Naples avant la fin de ma première semaine de séjour. Et j’ai su, en effet, que je pouvais mourir ensuite. Pour moi, Naples n’a point de salut, pas plus que pour une bonne part de ses propres enfants.” (Istrati 1928:170) |
Istrati erlebt unbeschreibliche Armut: Väter, die ihre Töchter als Prostituierte anpreisen, seinen Gasthausbesitzer, der ihm Katzenfleisch zum Mittagessen serviert, Obdachlose, die Schwartensuppe aus einer Gulaschkanone essen, andere, die auf einem Bretterstapel im Hafen übernachten und zu denen er sich nachts gesellt, schließlich er selbst, der sich eine Woche lang nur von grünem Salat ernährt. In Neapel ist Istrati nicht nur als Ausländer im Exil, sondern, wie viele Einheimische auch, als jemand der bettelarm ist. Sein Nichtbeherrschen der italienischen Sprache (die er trotzdem immer wieder phonetisch wiedergibt) stellt sich dabei nur insofern als Problem dar, als er sich mehrere Tage lang Hoffnungen hingibt, in einer Latteria romana, die er fälschlicherweise als ‚rumänische‘ Molkerei interpretiert, eine Arbeit zu finden. Doch die erhofften Landsleute sind keine und Arbeit gibt es keine. Alle Versuche schlagen fehl:
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““Je fais toute la ville et le port; je m’offre, pour des salaires dérisoires, partout où je vois une besogne à faire, mais je me rends compte de l’inanité de mes efforts: les Napolitains mêmes sont de trop et crèvent plus de faim que moi. Il y en a dix qui se battent pour une place, pour une heure de travail, pour une malle à porter.” (Istrati 1928:184) |
Als ihm schließlich noch skrupellose Gaunern die letzten Groschen aus der Tasche ziehen, ist die Frage des Heimischwerdens in Neapel für Istrati erledigt. Wie auch viele Neapolitaner selbst befindet er sich in der Stadt im sozialen und finanziellen Exil. Er erkennt, daß auch viele Einheimische durch ihre Arbeitslosigkeit und Armut vom Leben der Stadt ausgeschlossen sind. Andererseits macht der Erzähler in seiner Herberge die Bekanntschaft einer armenischen Familie, die wohlhabend, und damit glücklich ist. In ihrem Zusammenhalt, der gemeinsamen Sprache und Kultur, den Liedern, aber auch ihrem Wohlstand bringt diese Familie ihre Heimat gewissermaßen mit sich. So wie die Familie von Thomas Mann im Exil:
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“Zuhause, obwohl im Exil–ja wir sind zuhause, einmal mehr zuhause. … wo wir sind, da ist Deutschland, und wir sind da zuhause, wo der Schreibtisch steht.” (Mann 1996:261) |
Ihr Exil kann Zuhause sein, da das Schreiben ein Zuhause schafft. Darüber hinaus wird es durch die materielle und sozialen Umstände definiert.
Außer der armenischen Familie trifft Istrati in Neapel kaum Ausländer. Das liegt daran, daß viele der Emigranten auf der Durchreise nach Nordamerika in provisorischen Hafenunterkünften untergebracht werden und die Stadt gar nicht erst kennenlernen. Diese Trennung von Stadt und Hafen war typisch für italienische Auswanderungshäfen und lag im Interesse der städtischen Eliten, die einerseits an den Emigranten verdienten und sich andererseits einfach nicht für deren Schicksal interessierten. Als Istrati mit den Griechen, die er als blinder Passagier auf dem Schiff kennengelernt hat, an Land geht, werden sie in Notunterkünften direkt am Hafen untergebracht. “In der Enklave des Hafens und der umgebenden kleinen Straßen wohnend, Opfer der Tricks der vielen Kleinkriminellen und der Gier der Gastwirte war die Erfahrung dieser Emigranten getrennt von der Stadt selbst.” (Molinari 1993:111) Doch vor den Warnungen vor Wanzen, die die Vorgänger die Wände gekratzt hatten, sucht der Erzähler das Weite.
Bereits während der Reise von Piräus hatte sich der Erzähler von den Massen von Auswanderern auf dem Schiff abgesetzt, einerseits, weil er als blinder Passagier mitfuhr und andererseits, weil er nicht wie sie aus vornehmlich ökonomischen Gründen ausreist und sich eine neue Heimat suchen will. Im Gegenteil, sein Nomadentum gefällt ihm; Istrati ist Exilant aus Überzeugung. Dabei gibt es auch unter den armen Emigranten, die bei Wind und Wetter auf dem Deck zusammengepfercht sind, noch Rangunterschiede. So singen die Menschenmengen u.a.:
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“Tout le monde chante.
C’est ainsi sur le bateau :
On est gai ; on est joyeux.
Tout le monde, sauf le Juif.
Le Juif errant, lui, il n’a pas le voyage gai.” (Istrati 1928:144) |
Die antisemitischen Untertöne dieses Liedchens erinnern daran, daß Emigrant eben nicht gleich Emigrant ist. Die Juden z.B. befinden sich seit biblischen Zeiten in der Diaspora und wurden immer wieder überall auf der Welt verfolgt. Als Jude geboren zu sein, bedeutet im Exil geboren zu sein. Das Exil ist Teil der Identität als Jude und hat gleichzeitig dazu geführt, daß die Juden in ihrer Kultur, die sie mit sich bringen, zu Hause sind oder sie sich aus verschiedenen Elementen erschaffen und zusammensetzen. Anders als andere Identitäten ist die der Juden weniger an eine bestimmte Sprache gebunden, sondern spricht verschiedene Sprachen. Die Sprache vieler osteuropäischer Juden, das Jiddische, z.B. wurde durch den Nationalsozialismus praktisch ausgerottet.
Für den Juden Paul Celan aus der polyglotten Stadt Czernowitz war Deutsch die Muttersprache und nach dem Überleben des Zweiten Weltkrieges das einzige Heimatstiftende, das ihm geblieben war. Als französischer Dichter deutscher Sprache lebte und wirkte er den größten Teil seines Lebens im Exil. Sein Gedicht “Hafen” stammt aus dem zweiten Zyklus des Bandes Atemwende, der 1967 veröffentlicht wurde. Es gehört zu den weniger bekannten und analysierten Texten und ist von der Sujetwahl eher ungewöhnlich, da sich viele Gedichte Celans auf seine geographische Herkunft bzw. auf konkrete, bereiste Orte beziehen. “Hafen” jedoch ist fast ein Allgemeinplatz, ein Ort, der für viele andere stehen kann und als Metapher dient.
Celans oft als hermetisch bezeichnetes Werk erschließt sich am besten in seiner Gesamtheit, d.h. wenn die häufigen Querverweise auf seine anderen Gedichte und Übersetzungen im Kontext gedeutet werden können. Auch “Hafen” birgt eine Vielzahl von Schlüsselwörtern in sich, die auf in anderen Gedichten verwendete Begriffe und damit auf diese selbst verweisen. Wörter wie “trinken” und “schaufeln” erinnern an Celans größten Erfolg “Todesfuge”, in dem er die Ausrottung der Juden im Konzentrationslager direkt in einer narrativen Struktur beschreibt. Die in jenem Gedicht angesprochenen Themen ziehen sich durch sein gesamtes Werk, obwohl er das Thema des Holocausts in der Folge mit einer neuen Poetik verarbeitete. Die meisten Texte Celans waren zugleich eine Antwort auf die Frage des Dichtens nach Auschwitz: eine Art Metagedicht. Die Kreuzverweise erweitern dabei die Wirkung über den Rahmen des Gedichts hinaus, indem sie mit neuen Kontexten neue Bedeutungen erzielen und auf den Prozeß des Schreibens und damit das künstliche und zufällige Wesen von Sprache aufmerksam machen. In dem Lied “Glass Onion” (1968) zum Beispiel werden andere Beatles-Hits, wie “Strawberry Fields Forever”, “I am the Walrus” usw. ausdrücklich erwähnt (“I told you about strawberry fields…”). Diese Technik ist zugleich ein Kommentar über das Schreiben selbst.
Obwohl kein einziger von Celans Texten vordergründig autobiographisch ist, hat die Forschung gezeigt, daß ihr Entstehen oft unmittelbares Resultat von Erlebtem ist. “Hafen” wurde im Jahre 1964 wenige Wochen nach einem Besuch in Hamburg geschrieben. Der Name der Stadt wird nicht genannt, doch ist bekannt, daß Celan diese Stadt gern mochte, schon weil er dort 1952 Ingeborg Bachmann kennengelernt hatte. (Lefebvre 1998:365) Syntax und Semantik des Gedichts sind disharmonisch; es besteht aus einem einzigen Satz, der zwar durch zahlreiche Kommas, Gedankenstriche und Silbentrennungen gegliedert ist und doch nicht grammatisch einwandfrei gedeutet werden kann. Der Titel, die Ansiedlung der Szene im Rotlichtmilieu und der ironische Lobgesang auf den Alkohol im ersten Teil deuten auf Heinrich Heines “Im Hafen” aus Die Nordsee (1825-26) hin. Nach der Zäsur in der Mitte des Gedichts wendet sich die Aufmerksamkeit im zweiten Teil der Hafenanlage zu. Vergnügungsviertel und technischer Bereich werden dadurch direkt gegenübergestellt.
Anders als bei Heine, dessen Gedicht mit dem Vers: “Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat…” eingeleitet wird, beginnt Celans “Hafen” mit dem Wort “Wundgeheilt:” (Celan 1993:51) und endet auch damit. Dies brüskiert nicht nur die durch den Titel geweckte Erwartung, sondern faßt in einem Wort zusammen, was ein Hafen für eine Person im Exil bedeutet. Der Hafen gewährt Heilung (die auch in ihrer Alliteration und Assonanz “Heimat” assoziiert) und läßt oder schafft dennoch eine Wunde. Aus dem Kompositum ergibt sich jedoch auch eine neue Bedeutung, eine Art Über-Heilung, die zu neuen Wunden führt, ein Zuviel von Heimat, das bald wieder Exil wird. Daß dieser Hafen kein echtes Zuhause bietet, wird durch das Aufbrechen der Sprache, die abrupten Verse und Gedanken deutlich. Unruhe und Unrast ziehen sich durch das gesamte Gedicht. Dennoch geht es um ein Ankommen; der Hafen ist bei Celan Endpunkt der Reise.
Doch die vermeintliche Heimat ist vorübergehend, eine Enttäuschung. Zunächst repräsentiert auch in diesem Hafen die Frau eine Idee von Heimat. Ist sie bei Istrati eine Sirene oder eine gefürchtete Heilige, so ist sie bei Celan eine Prostituierte (am “Hurentisch”) oder vielleicht eine Gastwirtin oder Bordellbesitzerin wie “Mutter Clausen”. Der Geschlechtsverkehr verheißt eine Illusion von Geborgenheit und Ankommen “…brich dir den Weg/durch den heißesten Schoß,/Eiskummerfeder–,…” (Celan 1983:51) und kann der Sehnsucht doch kein Ende setzen “…ja sie/weiß, wie oft ich dir bis/in die Kehle hinaufsang, …” (Celan 1983:51) Die Prostituierte ist nur eine Vision des Ankommens, eine Scheinaktion, eine weniger beängstigende Version von Frau, ein halbherziger Versuch des Heimischwerdens (dabei wußten schon die Beatles 1964 “Can’t Buy Me Love”). Der Hafen, wie auch die Prostituierte, gaukelt dem Reisenden vor, daß ein Ankommen möglich ist. Auch die “Liebeslautbojen” legen nahe, daß die körperliche Liebe hier nur ein mechanisch ablaufender Prozeß aus, nur ein Schein von Liebe.
Das sehnsüchtige Hinaufsingen in die Kehle ist “…heidideldu,/wie die heidelbeerblaue/Erle der Heimat mit all ihrem Laub,/heidideldi…” (Istrati 1983:53), doch es ist nicht wirklich Heimat. Diese wird hier auf ironische Weise überdeterminiert und findet ihr lautmalerisches Echo in “heidideldu … heidideldi”. Dieses Jodeln karikiert somit den Begriff “Heimat” selbst ebenso wie die Volkslieder, in denen er so ausgiebig gebraucht wird; mit der “Erle” klingt der allgemein als größter deutscher Dichter anerkannte Goethe und sein berühmter ”Erlkönig” an. Die Erwähnung dieser Standardnummern der deutschen Kultur ironisiert zwar die “Heimat”, und dabei ist doch tatsächlich die deutsche Literatur und Sprache die einzige Heimat, die sich Paul Celan erhalten konnte. Andere Worte wie “Ziehbrunnenwinde” (Istrati 1983:53) erinnern an des Dichters verlorene Geburtsheimat, die Bukowina.
Der Gedanke der Heimat korrespondiert auch mit der Tatsache, daß Hamburg bei der Vertreibung der sephardischen Juden aus Spanien im Jahre 1492 eine besonders große Anzahl von ihnen aufgenommen hat. (Lefebvre 1998:365) Dennoch ist Celans Hafen kein Ort der frohen Ankunft und des Heimischwerdens. Im Gegenteil, im zweiten, eher technischen Teil des Gedichtes erscheinen “ein Wahndock”, ein “Unname” und “die Laufkatze Leben” setzt zum “Todessprung” an (Celan 1983:52). Die Kräne, im Russischen und Französischen homonym mit “Kranich”, deuten wiederum auf ein von Celan übersetztes Gedicht Chlebnikows, in dem ein Riesenkranich die Stadt Petersburg zu vernichten droht. (Ivanovic 1996:279) Die Gefahr zeigt sich besonders deutlich im “Todessprung” der “Laufkatze Leben”, vielleicht auch die Verzweiflung. So wie bei Martine Broda der Dichter durch seinen Selbstmord Celans in der Seine selbst zur letzten Flaschenpost wird, so scheint auch der Todessprung hier das Schicksal dieses ewigen Exilanten vorwegzunehmen.
Der “Unname” ist ein Name, der keiner ist und somit nicht benennen kann. Oder er ist ein schrecklicher Name oder ein Name, der den Namensträger als etwas Furchtbares identifiziert und stigmatisiert, wie das Wort “Jude” oder der Davidsstern im Dritten Reich eine ‚Un-Person‘ bezeichnete. Der “Unname” ist auch der des Exilanten, der in der Fremde namenlos bleibt und der dort, wo ihn niemand kennt und erkennt, keine Identität hat. Vielleicht ist es auch Paul Celans Name selbst, das Pseudonym, das er aus seinem Geburtsnamen Antschel (oder Anzcel) kreierte, ein Name, der international klingt und den Dichter zugleich von Projektionen bezüglich seiner Herkunft befreit. Dies scheint paradox, da doch bei Celan seine verlorene Heimat und die Erfahrung des Holocaust immer Thema sind, und ihn damit eindeutig lokalisieren. Sein Pseudonym ist auch Programm: so wie es ein Anagramm des Namens selbst ist, so ist auch die poetische Sprache Celans ein neu formuliertes, umgeformtes Deutsch. In kondensierter und kontrollierter Sprache berichtet das Gedicht von Alkoholrausch und sexuellen Exzessen in einer Hafenkneipe, die jedoch nur benannt und aus einem realen Kontext gelöst werden. Im zweiten Teil agiert nicht mehr das lyrische “Ich”, sondern der Hafen selbst scheint lebendig zu werden. Die Hafenanlage verselbständigt sich, wird Metapher für die bedrohliche und undurchschaubare Lebenswelt, in der Menschen funktionieren.
Das Exil ist so eine Wirklichkeit, die im 20. Jahrhundert immer mehr zur Normalität geworden ist und alle Sphären des Lebens durchzieht. Indessen wird Heimat im allgemeinen als die Norm, das Richtige angesehen, der Ort, wo man hingehört, so z.B. in “Honey Pie” (1968): “So won’t you please come home … to be where you belong”. Dabei hat sich in Mes départs und “Hafen” gezeigt, daß man auch zu Hause im Exil sein kann, daß Heimat und Exil einander nicht unbedingt ausschließen, sondern durchaus konvergieren. In Braila, in Neapel, in Hamburg, und in vielen anderen Häfen existieren sie auf Grund ihrer besonderen Demographie und Funktion fast zwangsläufig nebeneinander. Panaït Istrati und Paul Celan als Literaten und als Erzähler in ihren Texten waren auch in der Heimat bereits im Exil, und als sie dann im Exil lebten, trugen sie ihre Heimat in sich. Das Schreiben von Literatur ist der Versuch, Heimat herzustellen, ein Versuch, der zwar gelingt, aber dann doch scheitert, und deshalb immer wieder wiederholt werden muß.
8.12.2000
Von Ina Pfitzner
Anhang:
Paul Celan
1.
HAFEN
Wundgeheilt: wo-,
wenn du wie ich wärst, kreuz-
und quergeträumt von
Schnapsflaschenhälsen am
Hurentisch
-würfel
mein Glück zurecht, Meerhaar,
schaufel die Welle zuhauf, die mich trägt, Schwarzfluch,
brich dir den Weg
durch den heißesten Schoß,
Eiskummerfeder-,
wo-
hin
kämst du nicht mit mir zu liegen, auch
auf die Bänke
bei Mutter Clausen, ja sie
weiß, wie oft ich dir bis
in die Kehle hinaufsang, heidideldu,
wie die heidelbeerblaue
Erle der Heimat mit all ihrem Laub,
heiduldeldi,
du, wie die
Astralflöte von
jenseits des Weltgrats—auch da
schwammen wir, Nacktnackte, schwammen,
den Abgrundvers auf
brandroter Stirn--unverglüht grub
sich das tief-
innen flutende Gold
seine Wege nach oben-,
hier,
mit bewimperten Segeln,
fuhr auch Erinnrung vorbei, langsam
sprangen die Brände hinüber, ab-
getrennt, du,
abgetrennt auf
den beiden blau-
schwarzen Gedächtnis-
schuten,
doch angetrieben auch jetzt
vom Tausend-
arm, mit dem ich dich hielt,
kreuzen, an Steinwurf-Kaschemmen vorbei,
unsre immer noch trunknen, trinkenden
nebenweltlichen Münder--ich nenne nur sie--,
bis drüben am zeitgrünen Uhrturm
die Netz-, die Ziffernhaut lautlos
sich ablöst--ein Wahndock,
schwimmend, davor
abweltweiß die
Buchstaben der
Großkräne einen
Unnamen schreiben, an dem
klettert sie hoch, zum Todessprung, die
Laufkatze Leben,
den
baggern die sinn-
gierigen Sätze nach Mitternacht aus,
nach ihm
wirft die neptunische Sünde ihr korn-
schnapsfarbenes Schleppseil,
zwischen
zwölf-
tonigen
Liebeslautbojen
--Ziehbrunnenwinde damals, mit dir
singt es im nicht mehr
binnenländischen Chor--
kommen die Leuchtfeuerschiffe getanzt,
weither, aus Odessa,
die Tieflademarke,
die mit uns sinkt, unsrer Last treu,
eulenspiegelt das alles
hinunter, hinauf und--warum nicht? wundgeheilt, wo-,
wenn--
herbei und vorbei und herbei.
2.
Todesfuge
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Aug ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Quellen:
Broda, Martine. Persönliches Gespräch. 19. Juni 2000.
Celan, Paul, 1998. Choix de poèmes. Übersetzt und herausgegeben von Jean-Pierre Lefebvre. Paris: Gallimard.
Celan, Paul, 1983. “Hafen”, in: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Zweiter Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 51-53
Doney, Malcolm, 1981. Lennon and McCartney. New York: Hippocrene Books.
Istrati, Panait, 1928. Mes départs. (Pages autobiographiques.) Paris: Gallimard.
Ivanovic, Christine, 1996. Das Gedicht im Geheimnis der Begegnung: Dichtung und Poetik Celans im Kontext seiner russischen Lektüren. Tübingen: Niemeyer.
Jutrin-Klener, Monique. Panaït Istrati un chardon déraciné: Écrivain français, conteur roumain. Paris: Librairie François Maspero, 1970.
Mann, Erika, 1996. Mein Vater, der Zauberer. Hrsg. v. Irmela von der Lühe und Uwe Naumann. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
McKeen, William, 1989. The Beatles. A Bio-Bibliography. Westport, Connecticut: Greenwood Press.
Molinari, Augusta, 1993. “Emigration Traffic in the Port of Genoa between the Nineteenth and Twentieth Centuries: Shipping and Problems of Social Hygiene”, in: Journal of American Ethnic History. Bd. 13, Nr. 1, 102-118
Neagu, Fãnus, 1984. “Wanderer durch die Wunden des Weges”, in: Rumänische Rundschau, Nr. 6, 5-7
Pumain, Denise; Saint-Julien, Thérèse; Ferras, Robert, 1990. “Naples qui fut capitale”, in: France, Europe du Sud. Paris: Hachette/Reclus, 396-397
Read, Gordon, 1993. “Liverpool – The Flood Gate of the Old World: A Study in Ethnic Attitudes”, in: Journal of American Ethnic History, Bd. 13, Nr. 1, 31-47 |