Nachlese Literarischer Salon 19.6.2005
Thomas Brussig International
Sonntag Abend, 19. Juni 2005, gegen 19.00 Uhr. Das Telefon klingelt. Alles ist schon fast bereit (Danke Doreen!), und Christina macht noch die frischen Erdbeeren und Cherrytomaten mundgerecht. Thomas Brussig, am selben Tag aus Dublin kommend, ist am Apparat: „Du, Ina, wir sind jetzt hier noch in Frankfurt.“ „Ach so, Ihr kommt also später?“ „Nee, ick gloob dit wird heut jar nischt mehr.“ Nach einem Moment des Entsetzens (und des Auskostens am anderen Ende der Leitung) wird der Witz schnell aufgeklärt, und wenig später stehen sie vor der Tür: Thomas Brussig und Kirstin.
Langsam füllen sich die Räume, Sitzgelegenheiten und Gläser. Gegen 20.25 Uhr signalisiert Thomas, dass es Zeit wird anzufangen. Und so fängt es an:
Eric Denton, Germanistikprofessor vom Wheaton College in der Nähe von Boston, USA, Radio-Eins-Kommentator und u.a. auch Brussig-Experte, erzählt einige Anekdoten über Thomas Brussig in Amerika (z. B. dass er die Baseballregeln nicht versteht, während Eric findet, dass beim Fußball die Regeln schwer nachzuvollziehen sind und den freien Wettbewerb hemmen), warum er ihn als Autor und als Mensch schätzt, wie sein Werk in den USA gelesen wird und vor allem über den jüngsten Roman Wie es leuchtet.
Bevor Thomas Brussig (Helden wie wir, Am kürzeren Ende der Sonnenallee und Leben bis Männer) zu lesen beginnt, erklärt er Eric noch einmal die -- doch wirklich sehr einleuchtende -- Abseitsregel beim Fußball. Dieser versucht im Gegenzug, die Grundregel des Baseballs zusammenzufassen, in der Formel „Wir wollen eigentlich immer nur nach Hause“. Hm.(1)
Dann endlich liest Thomas aus seinem jüngsten Roman Wie es leuchtet, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, eine Passage, für die beim Schreiben meine Expertise in Anspruch genommen hatte. Darin geht es um den jungen deutsch-polnischen Nachwuchsautor Waldemar, der am „Freitag nach Eins“ sein Buchmanuskript im völlig überlasteten Aufbauverlag der Wendezeit abgibt und mit dem Lektor Dr. Erler ins Gespräch kommt. Sie sprechen über eine Situation, die auch die seinige ist: das Schreiben in einer anderen als der eigenen Muttersprache.
Nach einer kleinen Pause fahren wir fort mit Shoko Asai, Preisträgerin des Max-Dauthendey-Feder-Preises 2003 des Goethe-Instituts Tokio für die japanische Übersetzung von Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Sie liest einige Abschnitte auf Japanisch vor, darunter einen der, kursiv gedruckt, die Schlüsselstelle des Romans darstellt. Nach dem Verlesen des Deutschen spricht sie über das Übersetzen und darüber, wie man Brussig in Japan liest. Dank Beate Webers Kommentar über das nuancierte und gelungene Japanische kommen wir noch ins Gespräch über die Schwierigkeiten beim Übersetzen.
Thomas liest noch eine Passage im Jargon von NVA-Wehrdienstleistenden, die, wie er bereits beim Schreiben vermutete, für die meisten Leser und damit auch für die Übersetzer kaum verständlich war. Die Authentizität dieses Jargons wird von mehreren anwesenden Ex-Wehrdienstleistenden bestätigt. Nach einigen weiteren Fragen und Einwürfen endet der offizielle Teil, doch die Gespräche werden noch weitergeführt.
Wir danken besonders Thomas Brussig, Eric Denton und Shoko Asai für den gelungenen Abend. Scheene war’s!
Bis zum nächsten Mal! (Dabei wird um möglichst pünktliches Erscheinen gebeten.)
Erst einmal einen schönen Sommer für alle und herzliche Grüße,
Ina Pfitzner
1) Das versteht man vielleicht besser, wenn man weiß, dass Ausgangspunkt und Ziel der verschiedenen Runden der/die/das home plate oder home base ist. Siehe auch z.B. http://baseball.adlexikon.de/Baseball.shtml
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