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Nachlese Literarischer Salon

Zwischen Bühne und Text: Thomas Huber

am Samstag, 15. Oktober 2005, ab 19.30 Uhr in meinem Wohnzimmer.

Aufregende Tage für meine Katze Erika Angel: Übernachtbesuch aus Mecklenburg--meine Schulfreundin Gudrun mit ihren beiden quirligen Mädchen (Margarete und Marie-Anne), die Erika verfolgen und zum Spielen und Sich-Streicheln-Lassen überreden wollen. Dann Samstag tagsüber etwas Ruhe, als wir in der Stadt herumlaufen. Dann kommt Erikas Mensch (ich) zurück und beginnt mit eiligen Aufräumarbeiten und Vorbereitungen, denen sie neugierig zusieht, aber auch aus dem Weg galoppieren muss.

Ab 20 nach sieben zieht sich Erika auf ihr Fensterbrett im Arbeitszimmer zurück, sicher hinter dem gezogenen Vorhang. Denn es beginnt ein fast ununterbrochenes Türklingeln, Künstler und Gäste stellen sich ein: insgesamt ca. 23 Personen. Man begrüßt sich, macht sich bekannt, sichert sich Wein und Knabberzeug und versucht, einen guten Sitzplatz zu ergattern. Dann, wie immer, noch etwas warten, denn noch nicht alle angekündigten Gäste sind da.

Wir beginnen mit den üblichen Einleitungen: Thomas Huber stellt gerade seine Kollegin Caroline Jung vor, als das Telefon klingelt—eine dreiköpfige, holländische Abordnung kann den Eingang nicht finden—dann spricht er über sich selbst, und Paola, treue Salonbesucherin und Frau seines Lebens, ergänzt noch ein paar Worte. Holland und auch Mecklenburg treffen ein.

Zunächst geht es um Thomas Hubers jüngstes Stück Shrink, das erst im September an der Foyerbühne des Altonaer Theaters in Hamburg seine Uraufführung erlebte. Zwei Szenen lesen Caroline und Thomas, mit vertauschten Rollen; Thomas ist die Patientin Jeanne, die durch enttäuschte Lieben zynisch geworden und jetzt in Dr. Pohn verliebt ist, den distanzierten, etwas manipulierenden Psychotherapeuten, den Caroline liest. Die spannenden Dialoge sind wie ein Kampf, in dem Jeanne verzweifelt versucht, eine Verbindung zu ihrem Analytiker aufzubauen. Gern hätten wir auch noch die restlichen zwei Szenen gehört, doch es ist Zeit für eine kleine Raucherpause.

Caroline ist Schauspielerin und Mutter und konzentriert sich in letzter Zeit auf das Drehbuchschreiben. Sie liest eine Erzählung aus ihrem noch unveröffentlichten Band Sommer ohne Sex, in der es ebenfalls um die verzweifelte, aber halbherzige Suche, wenn nicht nach Liebe, dann doch wenigstens nach Sex geht. Eine sexuell nicht ausgelastete junge Frau ist zu Gast in einer mit Luxus aus zweiter Hand ausgestatteten Wohnung, Ausdruck einer Ver-/Beklemmung, die Erotik unmöglich macht und in der Beschimpfung des Gastgebers endet. Der nur in einer Nebenrolle auftauchende Mahagoni-Tisch aus Madagaskar/Marzahn steht in der Diskussion dann plötzlich im Vordergrund, denn „Marzahn“ löst ganz unterschiedliche Assoziationen aus. Caroline spricht über ihr Anliegen, reale Vorkommnisse und Situationen festzuhalten.

Dann noch einmal Thomas Huber; wegen des Titels wählen wir von den beiden angebotenen Geschichten „Brechts Hocker“ aus. Eine schrille ältere Bulgarin und der jüngere Ich-Erzähler lernen sich kennen, erzählen über das Leben und versacken in Bars und Zuhause. Auch in diesem Text geht es um missglückte Lieben und abgebrochene Sexakte, aber mehr noch um die Suche nach Verbindung zu anderen Menschen. Wir sind beeindruckt von Thomas’ treffender Sprache und Bildern und von der Vortragskunst, mit der er die schrullige Bulgarin zum Leben erweckt. Eine schöne Geschichte.

Raucher- und Umbaupause, einige müssen auch schon gehen und lassen sich somit Kathy Freeman auf der Gitarre ent-gehen. Mit eigenen Kompositionen und einem Hank Williams-Stück bringt Kathy noch mehr Schwung in den Abend und ein paar Füße zum Wippen (es gibt sogar eine Zugabe). (Eigentlich gehört Kathy ja zur Band Kathy X. Am 5. November 2005 wird sie zusammen mit ihrem Partner als Hot Potatoes im Café Waack, Proskauer Straße 13, auftreten.)

Eine ganze Weile noch wird intensiv geredet und Wein getrunken und im Treppenhaus geraucht. Gegen 24 Uhr löst sich die Runde auf.

Erika Angel hat zwischendurch natürlich auch hereingeschaut, auf sich aufmerksam gemacht, sich auf ihrem Logenplatz auf dem Katzenbaum eingerichtet. Am nächsten Morgen, beim Gläser abwaschen, werten wir den Abend aus: Sie hätte gern mehr Details über Brechts Hocker gehört und ihn am liebsten einmal ausprobiert...

 
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