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Literarischer Salon vom 19. Februar 2006

„Fasching, Karneval, Mardi Gras“

Anstelle einer Nachlese hier die Übersetzungen, die ich für den Salon angefertigt hatte. Es handelt sich um drei Kolumnen zum Thema Mardi Gras in New Orleans von Andrei Codrescu, Schriftsteller, Lyriker, NPR-Kommentator. Siehe auch http://codrescu.com/.

Die ersten beiden Essays sind aus New Orleans, Mon Amour. Twenty Years of Writing from the City. Chapel Hill: 2006 und entstammen ursprünglich dem Band Zombification von 1994. Der dritte Essay wurde nach Hurrikan Katrina verfasst und erschien im Dezember in der New Orleanser Programmzeitschrift Gambit Weekly. Die Veröffentlichung der Übersetzungen in diesem Rahmen erfolgt mit Genehmigung des Autors; Dank an Thomas Schulze für’s Durchsehen. Here it goes:

1. „Mardi Gras Again“ (p. 97-98)

Wieder einmal Mardi Gras

Ja, Ihr Leute in den verschneiten Breiten, jetzt ist die Zeit des Jahres, wo mein Haus, meine Stadt und mein Leben zu einer Kommune werden. Wo Freunde, von denen ich seit Jahren nichts gehört habe, und Freunde von deren Freunden, von denen ich noch nie gehört habe, auf meinem Fußboden und meiner Veranda kampieren, ein und aus gehen, aus und ein, das Bizarre ertragen oder davon getragen werden. Drei der auf meinem Fußboden Schlafenden sind vom College meines Sohnes: Er kennt einen davon. Das reicht mir eigentlich.

Jetzt ist also die Zeit, wo die Nacht zum Tag wird und der Tag zur Nacht, wo die einen aufstehen, während die anderen dahinsinken, niemals zur selben Zeit, aber immer in umgekehrter Reihenfolge, in der sie eigentlich auferstehen und niedergehen an jenen weit entfernten Orten, die nicht New Orleans sind. Es ist die Zeit, wo mein streng antimaterialistischer Freund Jack der Asket von Perlengier ergriffen wird. Von allem Glitzernden fasziniert gleitet er auf der Welle eines Karnevalwagens, mit leuchtenden Augen hinter einer Ledermaske wie eine Motte mittleren Alters. Es gibt viele so wie ihn: Es ist die Zeit, wo normalerweise nüchterne Menschen betrunken sind, und normale Betrunkene zu Rabelais-Figuren werden, d.h. zu Trunkenbolden mit einer heroischen Mission.

Jetzt ist die Zeit, wo die Leute ihre Perlenketten von den Balkons herunterhängen lassen und zu grausamen Aristokraten werden, die von den Lehnbauern auf dem Bürgersteig exhibitionistische Verrücktheiten einfordern. Und die tun alles, diese Bauern: Die Unmusikalischen können plötzlich singen, die Farbenblinden sehen Regenbögen. Alles, jedes, kosmisch, erniedrigend oder witzig: Wirf mir was zu, Mister! Jetzt ist die Zeit, wo normalerweise zugeknöpfte Leute den Drang verspüren, nichts außer etwas Schmuck zu tragen. Wo die Zurückhaltenden und Rücksichtsvollen ihre Masken der Wildheit aufsetzen und die Wilden zu liebenswürdigen Tieren werden. Die Hübschen werden hübscher, und die Unscheinbaren werden fantastisch. Die Unbeholfenen tanzen, die Tänzer schweben. Jetzt findet man bei Fremden Nähe und Fremdheit bei den Nächsten. Es ist eine aufregende Zeit, meine Damen und Herren! Sehen Sie doch, wie eine Stehleiter voller Kinder umfällt und ein Pferd ausbricht — und dann die tausendarmige Menge, die sie auffängt. Sehen Sie, wie ein spitzer Absatz hart auf eine Hand tritt, die gerade eine Medaille aufhebt. Treten Sie nur heran an diesen riesigen zischenden Gumbotopf, denn Sie brauchen es ganz scharf.

Jetzt ist die Zeit, wo die Musik in Ihrem Kopf in Wirklichkeit von der Straße hereintönt. Wo die Musik auf der Straße aus Ihrem Kopf kommt. Wo die Musik in Ihrem Kopf in Ihren Träumen auftaucht. Und die Musik aus Ihren Träumen von der Straße kommt. Jetzt ist die Zeit, wo der Teil von Ihnen, der Musik ist, den Teil der Stille übertönt. Wo Musik die Verrückten treibt. Es ist Mardi Gras in New Orleans, meine Damen und Herren, und die guten Zeiten rollen, wie man so sagt, und also können Sie genauso gut mitrollen, denn nur an der Musik kann man sich festhalten.

2. „Death was the Theme this Year“ (p. 101-102)

Dieses Jahr das Thema „Tod“

Die Krewe de Vieux Carré hat sich dieses Jahr den Tod zum Thema gewählt. Wie ein Beerdigungszug zog unsere Parade durch das French Quarter: schwarze Chiffon-Engel, Henker, Särge, Kränze und eine Guillotine. Das ist gar nicht so ungewöhnlich hier in dieser Stadt, wo man dem Tod mit Vertrautheit und Achtung begegnet, wo die Leute einander zu den Klängen von Jazzbands beerdigen und leben als wäre heute der letzte Tag. Was übrigens tatsächlich eintreten könnte, wenn die Deiche brechen.

Doch dieses Jahr war die Parade übermäßig begräbnisartig, selbst für den Geschmack unserer Stadt. Das offizielle Rundschreiben der Krewe de Vieux, Le Monde de Merde, erinnerte unter der Überschrift Mit posthumoristischen Grüßen an einige in jüngster Zeit Verstorbene. Zu den wichtigsten zählten die Tode einiger alt hergebrachter Paraden, hauptsächlich Comeus und Proteus, da diese sie sich geweigert hatten, ihre Karnevalsgesellschaften anderen Rassen gegenüber zu öffnen. Manche Vertreter der Krewe fanden deren Dahinscheiden tragisch, andere fanden, dass der Rassismus den Tod verdient hat und somit: Gut, dass wir die los sind. Während also einige Kreweabteilungen Kränze vor die Tür des Boston Clubs legten, wo die jetzt ehemaligen Paraden zu Hause waren, und eine Schweigeminute einlegten, pfiffen andere mit ihren Trillerpfeifen, warfen Gummieier und Plastikscheißhaufen an den geweihten Ort. Ansonsten betrauerten oder feierten die Krewe der Mystisch Ahnungslosen, die Krewe des Raumzeitalters, die Krewe der Unterwäsche und besonders die Mystische Krewe der Komatösen Folgendes: den Tod der Bildung in Louisiana, den Tod von New Orleans durch das Kasino und den Tod des Republikanismus. Die Transsylvanische Befreiungsfront sprach sich gegen die Diskriminierung von Vampiren aus und die Mystische Krewe der Komatösen gegen Diskriminierung jeglicher Art. Es wurde ebenfalls die Entdeckung des „Leichentuchs des Turismus“ in New Orleans bekannt gegeben. Fast ohne Zwischenfall nahm der Umzug seinen Verlauf, bis gegen Ende eine plötzliche Windböe die Guillotine erfasste und einen Touristen vernichtete. Ein kalter Regen begann zu fallen, doch zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten der Paradierenden schon Feuerwasser intus und die Musik hörte nicht auf zu spielen.

3. Kolumne „Penny Post“ vom 20.12.2005 im Gambit Weekly

„Take Mardi Gras to Washington“

Mardi Gras in Washington

New Orleans zum Mardi Gras ist berühmt für seine scharfe politische Satire. Doch wo bleibt unsere karnevalistische Phantasie jetzt in diesen Tagen, da wir im eigenen Land zu Waisen geworden sind?

Was meinen Sie, was hat wohl mehr Effekt: 300.000 Unterschriften unter einem Schreiben an die Bush-Administration betreffend den Bau eines Dammes für einen Hurrikan der Stufe 5 oder aber 1.000 New Orleanser in nur mit einem Seil um die Taille gehaltenen Papiergewändern, die nach Washington fliegen und sich dort vor dem Weißen Haus an den Zaun ketten?

Was hat wohl mehr Effekt: Die Regierung höflich um den Wiederaufbau unserer Stadt zu ersuchen, der einzigen amerikanischen Stadt, in die es sich zu fliehen lohnt – statt zu entfliehen – oder eine Kolonne aus bunt geschmückten Wagen mit verklebten Kühlschränken, die am Washington Monument abgeladen und dann alle gleichzeitig geöffnet werden, wenn der Präsidentenkonvoi vorüberrauscht.

Was hat wohl mehr Effekt: Stundenlange Treffen machttrunkener Politiker mit aufgebrachten Bürgern oder aber aufgebrachte Bürger, die rund um die Uhr Politikermasken tragen, bis endlich etwas passiert? Alle Amerikaner, denen wir nicht gleichgültig sind, sollten öffentlich schwarz tragen. Alle Amerikaner sollten öffentlich Masken von gleichgültigen Politikern tragen. Wo ist denn die schwarze Schleife mit unserer Fleur de lis, die an jeden Kragen und an jedes Kleidungsstück gehört?

Was ist wohl besser: Dass wir unsere Abgesänge auf leeren Straßen spielen oder dass wir Millionen in den Fluten zerstörter Instrumente an die FEMA schicken -- sollen die doch selbst sehen, ob sie da noch einen Ton herausbekommen?

Wo sind denn unsere aufmüpfigen Obszönitäten, sonst beim Mardi Gras überall dabei, die mit glühender Verachtung diejenigen aufs Korn nehmen, die uns wie Feinde behandeln? Bringen wir doch all das nach Washington. Bitte, ja?

Was sind das denn für alberne Diskussionen, ob wir Mardi Gras dieses Jahr überhaupt feiern sollten oder nicht? Wir sollten JETZT Mardi Gras feiern, und zwar bis uns die Nation zur Hilfe kommt. Wir sollten immer weiter Mardi Gras haben, bis auch die letzte unserer vor sich hin wurstelnden, unfähigen Nicht-Führungskräfte ersetzt ist durch Männer und Frauen, die wissen, wie man die Ärmel hochkrempelt.

Wir sind die Stadt der Geister und Unholde: Also sollten wir das Land mit unserem Spuk erschaudern lassen. Wir sind eine Stadt in Trauer: Also sollten wir alle unsere Geister zusammentrommeln, auch die vergangener Karnevals, und den schaurigsten Umzug veranstalten, den man je gesehen hat.

Verlassen und verwüstet stehen die Mardi Gras-Wagen in der Nekropolis New Orleans. Baut Motoren ein, dann rollen wir mitten hinein in die Machtzentrale.

Mardi Gras dieses Jahr ausfallen lassen? Das ist ja wohl ein Witz?!

Wo ist bloß unser Sinn für politisches Theater geblieben?

Ja, bringen wir Mardi Gras nach Washington.

Übersetzt von Ina Pfitzner

 
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