Literarischer Salon 7. April 2006
Haben Sie einen Balkon?
Und? -- Dieses Jahr schon darauf gesessen? Und wissen Sie ihn auch wirklich zu schätzen?
Autorin Unda Hörner hat erlebt, wie schmerzlich der Verlust des alten und die andauernde Hoffnung auf einen neuen Balkon ist. Dieser Tage erscheint in der Edition Ebersbach der von ihr herausgegebene Band Über den Dächern der Stadt. Balkongeschichten, eine Sammlung von Erzählungen rund um diesen „Zwischenraum“ zwischen drinnen und draußen, zwischen privat und publik.
Der Balkon
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Unda Hörner, geboren 1961, lebt seit 1982 in Berlin. Sie ist promovierte Romanistin und arbeitet als Autorin, Lektorin und Übersetzerin. In der Erzählung „Das Busenritual“ aus dem Band Flüchtige Männer, 2003 bei Suhrkamp erschienen, schreibt sie: „Wohnungen berühmter Leute sind privater als privat. Jeder Blick wird zum Einblick, jeder Gegenstand zur Reliquie, jedes Wort hat das Zeug zum Zitat. Hüte dich vor Anekdoten, dachte ich.“ D.h. die Ich-Erzählerin. (S. 54)
Auch ich will mich vor Anekdoten hüten, und doch bitte ich Sie auf einen kurzen Blick in Unda Hörners Wohnung, wo Details Auskunft über ihre Person und ihre Arbeit zu geben. Beim Eintreten steht man zunächst neben einem wandhohen Regal mit Schuhen. Was heißt hier Schuhen--kleinen Kunstwerken, auch in rot und auch in Lack, die sich in Augenhöhe dem Betrachter präsentieren... wie ich finde, Indiz für ihre Freude an den schönen Dingen des Lebens und ihre Lust am Detail, die sich auch in ihren Werken finden. (Unda bemerkte an dieser Stelle, dass sich in den oberen Fächern des Regals auch Bücher befinden.)
In dem großen Zimmer, das sich an einen langen Korridor anschließt, steht ein Bücherregal, das die gesamte Wand dominiert, überquellend mit deutscher und französischer Literatur, aber auch der anderer Länder, mit Fachbüchern usw. Man sieht es diesen Büchern an, dass sie im Gebrauch sind. Unda Hörner ist belesen und verwandelt ihre Neugier auf Literatur und Kunst und vor allem auch auf das Leben mit Literatur und Kunst, in Wissen, das sie in ihren zahlreichen biografischen Studien und themenbezogenen Büchern weitergibt. Neben dem Privatleben berühmter Avantgardekünstler faszinieren sie vor allem auch deren weniger--und wenn dann nur als ihre Musen--bekannten Frauen und insbesondere auch ihre Beziehungen: So zum Beispiel in Die realen Frauen der Surrealisten, Suhrkamp 1998 (Simone Breton, Gala Eluard, Elsa Triolet), Im Dreieck, Suhrkamp 1999, Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Gangsterbraut im Seemannsgarn, Rowohlt 1999. Bei der Edition Ebersbach erschienen Madame Man Ray 2002, Nancy Cunard. Enfant terrible der Pariser Bohème 2002, Auf nach Hiddensee! Die Bohème macht Urlaub 2003, Hoch oben in der guten Luft. Die literarische Bohème in Davos 2005. Unda Hörner veröffentlicht auch Artikel und Erzählungen in verschiedenen Zeitschriften, wie z.B. dem Magazin. Unda ist also äußerst produktiv, und das wohl vor allem an ihrem grünen Art Deco-Schreibtisch...
Tja, und dann ist da noch ein langes Sofa, das quer vor der Fensterfront des Raumes steht und einigermaßen verschämt von einer gähnenden Leere ablenkt, die sich vor dem Fenster auftut, genau an der Stelle, wo eigentlich ein Balkon hingehört und wo früher auch mal einer war. Daher also die Anregung für das Büchlein, um das es heute geht und das vor wenigen Tagen erschienen ist: Über den Dächern der Stadt. Balkongeschichten, Berlin: Edition Ebersbach, 2006, eine Sammlung von Kurzgeschichten und Textauszügen von Marcel Proust bis Keto von Waberer, von Unda Hörner ausgewählt, herausgegeben und mit einem Vorwort versehen und durch eine eigene Erzählung ergänzt.
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Überlegungen zur Rolle und Bedeutung des Balkons führen zunächst von der sehr privaten auf eine sehr öffentliche: Königinnen und Könige, die vom Balkon aus ihren Untertanen gütig zuwinken, der Papst auf dem Petersplatz in Rom, zum Schluss nur noch schwach und kaum sichtbar. Aber auch Michael Jackson vom Balkon des Hotel Adlon, der sein 9 Monate altes Kind gefährlich über die Brüstung hängen ließ und sich beinahe wieder ein Gerichtsverfahren aufgehalst hätte.
Vom Balkon aus wurde auch Geschichte gemacht: Der Futurist D’Annunzio schwang feurige Reden. Karl Liebknecht rief am 9.11.1918 vom Balkon des Berliner Stadtschlosses die sozialistische Republik aus, so dass dieses Portal des Schlosses als Teil des Staatsratsgebäude noch erhalten ist, und Philipp Scheidemann proklamierte am selben Tag vom Balkon des Reichstags die demokratische Republik.
Oder die verstörende Szene, wie der frühere rumänische Staatschef Nicolae Ceausescu mit seiner wie er verhassten Frau Elena auf den Balkon des Casa Alba in Bukarest tritt, volkstümelnd mit Schaffellmütze, zunächst noch lächelnd und gütig winkend. Doch als die Sprechchöre immer lauter werden und ihn nicht zu Wort kommen lassen, gefriert seine Miene unverständlich und ahnungslos. Er tritt in den Raum zurück, wird kurze Zeit später in einem Hubschrauber vom Dach des Gebäudes davongeflogen und drei Tage später, nach kurzem Prozess, erschossen.
Auch in der Literatur wird der Balkon durchaus mit Gewalt assoziiert, in Kriminalromanen wie Der Mann auf dem Balkon von Maj Sjöwall/Per Wahlöö und Dicke Frau auf Balkon von Waldtraut Lewin, in Charles Bukowskis Lyrikband Screams from the Balcony, und wer Jean Genets Werk ein wenig kennt, kann sich vorstellen, dass es in seinem Stück Le Balcon auch nicht um sonnige Betrachtungen vom Balkon aus geht.
Natürlich gibt es auch diese: Reinhold Schneiders Der Balkon. Aufzeichnungen eines Müßiggängers in Baden-Baden zum Beispiel. Und in dem Film
Sommer vorm Balkon, der jetzt in aller Munde ist, spielt sich die gesamte Bandbreite des Lebens auf oder vor dem Balkon ab. Ein Film mit Kultpotential, wie ich finde, mit Sätzen wie „Es wird gar nicht dunkel", sagt die eine. Und die andere sagt: "Nee, es wird schon hell." Oder mein persönlicher Favorit: „Du meinst wohl, weil hier sexuell was läuft, kannst du dich wie'n Arsch benehmen?"
Mit diesem Satz könnte man auch das Ende der Liebesgeschichte untertiteln, die sich in Unda Hörners Roman Unter Nachbarn (Suhrkamp 2000) aus dem Sehen und Gesehenwerden auf dem Balkon ergibt. In dem Roman geht es um Wohnen und Wohnungen in Berlin, um die Menschen, die man als Nachbarn oder im Kiez kennen lernt, um die persönliche Entwicklung der Erzählerin, die sich an ihren Wohnungen (schließlich einer mit Balkon) ablesen lässt. Wie auch in der Erzählung in Über den Dächern der Stadt ist der Balkon hier Lebens- und Arbeitsraum der Ich-Erzählerin und Ort für eine sich entwickelnde Liebesgeschichte. Viel Spaß bei der Lesung mit Unda Hörner.
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