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Literarischer Salon am 23. September 2006

Was genau ist eine Himmelsburg?

mit Sebastian Orlac und Thorsten Schwartz

Die Hawaiianer tun es. Surfer tun es auch. Ein Monster in der Sesamstraße hat es getan und sogar Johnny Cash. Und jetzt tun es auch manche Schreibende in Berlin: Sie spielen Ukulele.

Sebastian Orlac, Autor, und Thorsten Schwarz, Texter, vereint eine Bürogemeinschaft und ihre Leidenschaft für ein gelegentliches Ukulelepäuschen in den kreativen und weniger kreativen Momenten. „Ho'olono ana i ke kani honehone a ka ukulele“ (Halte inne und lausche dem süßen Klang der Ukulele) hieß es also auch beim Salon: Als don huki and the brown crowns schrammelten, säuselten, schmetterten, schmalzten und flöteten sie ein- bis zweistimmig, auf Englisch und irgendwie amerikanisch.

Doch dies waren nur musikalische Intermezzi, denn eigentlich ging es um Sebastian Orlacs Roman Verteidigung der Himmelsburg (Klett-Cotta 2006). Die darin agierenden Frauen und auch Männer sind auf der Suche nach menschlicher Nähe und beruflicher Erfüllung, nach Authentizität im Privaten wie im Beruf. Doch ihre Ansprüche und Erwartungen lähmen sie, alle entstehenden Gefühle werden vergrübelt und verkopft oder--denn wozu sind Emma und Fiona schließlich Schauspielerinnen—theatralisiert und in Familienaufstellungen aufgelöst. Die von einer Wahrsagerin benannte Himmelsburg erweist sich als Familienkonstellation, in der jeder eine vorgegebene Rolle innehat, die nicht mehr so recht zu passen scheint. Trotz ihrer allgemeinen Verkrampfung und ihrem Aufeinander-Konzentriertsein, in ihrem täglichen, minütlichen, sekündlichen Kampf sind die Figuren ernsthaft und keineswegs zynisch. Ihre tiefe Sehnsucht können wir nur erahnen...und steht im Raum, wenn wir mit den Ukulelen und don hukiand the brown crowns schwelgen.

Nach der Pause liest Sebastian Orlac seine Erzählung Dichter-Viertel. Aus der Sicht eines kleinen Jungen erleben wir die Erwachsenen in ihrer unfreiwilligen Komik: der abwesende Vater, der in Afrika Staudämme baut, die Mutter, die ihren Seitensprung hinter einem Malkurs verbirgt, die Babysitterin, die ihre Aufgabe an einen alkoholisierten Fremden, Gerd, abgibt. Der ist zwar Analphabet, liest dem Jungen aber eine skurrile Gutenachtgeschichte vor, die in keinem Buche steht, und schenkt ihm Aufmerksamkeit und Wärme. Später hält der Junge den Nachbarn im Bademantel für einen Dichter (wo die Familie doch jetzt ins Dichter-Viertel gezogen ist) und dabei ist der Ersatzbabysitter Gerd vermutlich die poetischste Figur in der Erzählung. Der Witz der Geschichte ergibt sich aus der kindlichen Erlebniswelt des Jungen und seinen sehr reifen Beobachtungen der Erwachsenen, aus seiner Neugier und Naivität, die viel erhoffen lässt.

Im anschließenden Gespräch überlegen wir, warum eigentlich die Wende und die folgenden Umwälzungen fast nur bei Ostautoren eine Rolle spielen, obwohl sie in der Himmelsburg in einigen Episoden den faktischen und durchaus kritischen Hintergrund bietet. Der Autor weiht uns auch in die Entstehungsgeschichte von Dichter-Viertel ein: Für einen Wettbewerb des Landes Nordrhein-Westfalen geschrieben, finden sich einige konkrete geographische Angaben, die die Geschichte im Ruhrgebiet ansiedeln. Das zeigt also die Ironie und den Spaß, mit dem Sebastian Orlac sein Handwerk betreibt, und dass formale Grenzen die Kreativität nicht unbedingt einengen, sondern eher beflügeln.

Den Geburtstag haben wir dann doch nicht gefeiert, denn Unglück kann ich wirklich nicht gebrauchen. Aber wir haben noch gesessen, getrunken, geredet, Musik gehört. Insgesamt war es ein entspannter und fröhlicher Abend zwischen Nachdenken und Lebensfreude, der auch Mut macht. Denn seien wir mal ehrlich: Wo Ukulele gespielt wird, da kann doch eigentlich nur alles gut werden?

Bis zum nächsten Mal...

 
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