Zurück zum Startbild

 

 

25. November 2006, Samstag
Salon mit Joerg Waehner und Einstrich-Keinstrich: Wie immer sind Christina und ich bei letzten Vorbereitungen, trinken schon ein Glas Wein. Gegen 19.30 Uhr kommt Joerg angestürmt, mit Mantel und Jackett, Tasche unter dem Arm. Er packt Wein und Saft aus, drapiert ein paar Buchexemplare und rennt noch einmal nach unten, um ein Plakat mit der Aufschrift „Joerg Waehner liest“ anzubringen. Kurz vor 8 klappt die Tür ständig--dieses Mal fangen wir mit nur 20minütiger Verspätung an!

Zuerst lese ich ein paar Abschnitte aus einer Einleitung von Katja Lange-Müller. Der Text ist anspruchsvoll, mit langen, gewundenen Sätzen; ich bin sogar ein bisschen aufgeregt. Die Autorin beschreibt das Dokumentarisch-Collagenhafte des Buches, hervorgehoben im Schriftsatz, stellt es in den Kontext anderer Vor- und Nach-Wende-Bücher und fragt sich, „ob die DDR letztlich nicht auch an der mangelnden Menschenkenntnis, der Phantasielosigkeit, der Uninspiriertheit, der Fehlbarkeit ihrer Zuträger zugrundegegangen ist.“Während ich lese, kommen die letzten Gäste. Es ist wirklich sehr voll, fast 30 Leute in meinem Wohnzimmer.

Dann liest Joerg Waehner. In den ausgewählten Passagen geht es weniger um seine Alltagserlebnisse bei der NVA als um seine Überwachung durch die Staatssicherheit; das Thema zieht sich durch das gesamte Buch. Er liest leise und rastlos; die Spannung im Raum wird nur von gelegentlichem Stühleknarren und Husten gebrochen. Der Text selbst ist dicht und genau, Aufzeichnungen eines stillen, passiv wirkenden Beobachters, dem Schikanen und wohlwollende Dienste bei der Armee, Frauengeschichten, eine Wohnungszuweisung und andere Dinge scheinbar ohne sein Zutun widerfahren. Einstrich-Keinstrich beschreibt auch seine literarischen Anfänge, auf die das Manuskript zurückgeht, und sein Bemühen--das ihm verwehrt wird—diese Ambitionen schon damals zum Beruf zu machen. Aus den Tagebuch-Einträgen des Soldaten, den genannten Jahrestagen aus dem DDR-Kalender und im Nachhinein dokumentierten Tagesnachrichten, aus den Kalauern seiner Zimmergenossen, aus Briefpassagen und Auszügen aus seinen Stasi-Akten entsteht ein „Tatsachen-Tagebuch-Roman“ (Katja Lange-Müller), eine Dokumentation des Privaten und damit des allgemein Gesellschaftlichen, irgendwie eine eigene Form von Geschichtsschreibung.

Letztendlich ist Ihnen ja nichts passiert,“ sagt ein ehemaliger Stasi-IM am Ende. Wirklich nichts passiert? Ein Kritiker der Berliner Zeitung kommentiert:

„Waehner musste sich von der Staatsicherheit in die Privatsphäre glotzen lassen, man hat ihm ins Leben gepfuscht. Dass er sich nun, trotzt dieser Erfahrungen, neuerlich verletzbar macht, indem er ohne Eitelkeit, ohne Hass und Häme seine verwundete Biografie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, dafür gebührt ihm Dank.“ (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/spezial/kritiken/buecher/44602/index.php)

Und so gibt es anschließend Lob und viele Fragen. Joerg antwortet kurz und präzise. Auch hier zeigt sich, dass es ihm um Genauigkeit ging, und dass er alles Spektakuläre, Tendenziöse vermeidet. Er erklärt, dass er den Joerg-von-vor-25-Jahren heute mit Wärme aber auch mit etwas Skepsis betrachtet. Trotz aller Kritik hat er das Land geliebt, denn er hat dort gelebt und geliebt. Die Diskussion ist vielleicht etwas kürzer als sonst, doch die Musiker warten schon.

         Wir machen Platz für zwei beschwingt ausholende Streicher: Avri Levitan (Bratsche) und Roi Shiloah (Geige) mit dem 3. Satz--Rondeau: Allegro des Duo für Violine und Viola in G-Durvon Mozart. Avri erzählt, dass die beiden schon beim Militär in Israel zusammen musiziert haben. Jetzt konzertieren sie beide auf internationalen Bühnen; heute bei mir im Salon und morgen im Kammermusiksaal der Philharmonie! Schon bei der ersten, probeweisen Berührung von Saite und Bogen spüre ich, dass gleich etwas Besonderes passieren wird. Wir erleben Mozart „hautnah“. Lara sagt später zu mir: „Wirklich hautnah: Als ich das Bein ausgestreckt habe, wackelte der Notenständer!“ Mozart hat sie noch nie so erlebt, sagt sie, ohne Pausen, ohne Punkt und Komma. Mit den beiden kommt eine unglaubliche Energie und Lust in den Raum, und ich denke mir, dass es gut wäre, wenn junge Männer diese lieber beim Musizieren oder beim Schreiben verwenden könnten als beim Militär... Der offizielle Teil endet mit tosendem Applaus. Dann angeregte Unterhaltungen mit Autor und Musikern, Telefonnummernaustausch, Verabredungen für den Abend in der Philharmonie, noch ein Glas Wein... Erschöpft und erfüllt gehe ich schlafen. Aufgeräumt wird am nächsten Morgen.

 
Zurück zur Homepage