Salon vom 20. Januar 2007
Figuren: Kristin Schulz, Autorin
Karoline Schulz, Flötistin und Komponistin
Gastgeberin
Ca. 23 Gäste
Elsterneinmaleins:
One for sorrow,
Two for joy,
Three for a girl,
Four for a boy,
Five for silver,
Six for gold,
Seven for a secret
Never to be told.
An old English nursery rhyme, telling the future from the numbers of magpies seen. The magpie rhyme seems to have been left on European shores, though. In North America, most people who know the rhyme use it in reference to crows: Crow Augury or Counting Crows, now also the name of a band. (Info from Google)
Momentaufnahmen
1. Ca. 19.30 Uhr: Ein leerer Raum voller Stühle und Bänke. Gläser, Getränke, Gebäck. Warmes Licht.
2. Kristin Schulz, Karoline Schulz und ihr Begleiter Maximilian testen verschiedene Sitzkonstellationen; jedes Mal, wenn die Gastgeberin den Raum betritt, sitzen sie woanders.
3. Die Besucher schieben sich durch den engen Flur ins Wohnzimmer, hinterlassen Jacken, Taschen, Schuhe. Schließlich sind alle Plätze besetzt. Man macht sich bekannt, schenkt Wein ein.
4. Die Gastgeberin verliest eine Einleitung zu Kristin Schulz (von Vera Beyl, Radio „Kölncampus“), dann stellt sie Karoline Schulz kurz vor. Versprecher erheitern das Publikum.
5. Karoline spielt Pwyll für Flöte von Giacinto Scelsi (1905-1988). Schräg, ungewohnt. Scelsi gilt als einer der „interessantesten Komponisten des 20. Jahrhunderts“, Zwölftonmusik lehnte er ab, komponierte zunehmend nur mit einem Ton. Scelsi: „PWYLL is a Druid name....PWYLL might perhaps suggest the image of a priest calling the angels at sunset.“
Hm.
6. Kristin liest aus Das Elsterneinmaleins, aus dem Abschnitt „Doppelkopf und Saaleabwärts. Jena“, einem etwas aus der Reihe fallenden Kapitel. Sind die Frauenfiguren im Roman hauptsächlich unterwegs, auf der Suche, auf der Flucht (?) mit und vor austauschbar scheinenden Männern und wirken sie in ihrer ständigen Bewegung und Aktion eigenartig unpersönlich, allein und fremd in ihrer erwachsenen Zweisamkeit, so erzählen die Erinnerungen, Träume und auch Ängste aus der Sicht eines Kindes von der Geborgenheit der Kindheit, von der Vertrautheit der heimischen Umgebung aber auch der kindlichen Bewunderung und Verwunderung über die Welt. Doch Jena ist nicht nur idyllisch zwischen Hügel, Wälder und Burgen gebettet, es gibt auch das Neubauviertel Lobeda, und neben den liebevollen, eigenwilligen Großeltern erscheint ein bedrohlicher Herrn Pfändtner, gegen den sich das Kind erfolgreich wehrt.
6.a. Wie in dem Buch erwähnt, ist Jena tatsächlich Vielen ein Begriff, die noch nie dort gewesen sind. In Paris gibt es die Avenue de Iéna mit gleichnamiger Brücke, wo sich das Goethe-Institut und das deutsche Konsulat befinden (etwas masochistisch, oder?), und die Jena St. in New Orleans ist parallel zur Napoleon Avenue so wie auch alle anderen nach seinen siegreichen Schlachten benannten Straßen. Und ansonsten: Carl Zeiss Jena, Fußball, ehrwürdige Universität, Demonstrationen („Schwerter zu Pflugscharen“) in den achtziger Jahren... Es gibt sicher noch Vieles mehr über Jena zu schreiben.
7. Improvisation von Karoline Schulz. Sie trällert, pfeift, schnauft, keucht, haucht, röchelt durch die Flöte. Im wahrsten Sinne: atemberaubend!
8. Kurze Pause
9. Kristin liest aus ihrem noch unveröffentlichten Theaterstück: "A zerlatschen oder das sichere Versteck". Ein Mann, eine Frau und ein Kind sowie ein geheimnisvoller Gast, außerdem Fische, die Sonne und andere schwer darzustellende Charaktere. Dialoge gestörter Kommunikation.
10. Karoline spielt ein nicht näher benanntes Stück von Johann Sebastian Bach.
11. Fragen und Gespräch: Träume spielen in beiden Werken eine Rolle, im Theaterstück ein Traum um Herzoperationen zur Feststellung der rechten (sozialistischen) Gesinnung. Fragen zur vorgestellten Spielbarkeit des Stücks, zur Rätselhaftigkeit der Romanfiguren und –handlung, zur Bedeutung des A zerlatschens (erhöhter Schwierigkeitsgrad beim Versteckspiel, wohl aber nicht überall bekannt), zum Ernst des Stücks. Fragen auch an Karoline zur Improvisation (sie versichert, dass sie nicht automatisch in Moll spielt, wenn sie bedrückt ist).
12. Die Titel der beiden Werke beziehen sich auf von Generation zu Generation weitergegebene Kinderspiele und werden durch die Texte mit neuer Bedeutung gefüllt. Ähnlich ist auch Kristins Umgang mit der deutschen Sprache, die sie in den „ausländischen“ Kapiteln mit fremdsprachigen Wörtern und Bezügen anreichert: Sie knöpft sich Wendungen und Ausdrücke vor, schaut ihnen tief in die Augen, befragt sie, ob es auch wirklich alles so gemeint ist, nimmt sie beim Wort und beweist ihnen dann das Gegenteil. Eine doppelte Verfremdung, durch den Blick auf fremde Länder und Leute und durch die mit Fremdheit behandelte eigene Sprache. Erfrischend lesenwert.
13. Im Moment schreibt Kristin vor allem an ihrer Dissertation zu Heiner Müller; Karoline spielt in verschiedenen Ensembles in ihrer Heimatstadt Dresden.
14. Letzte Einstellung: Einige Gäste sind schon gegangen, aber wir sitzen, reden und trinken bis in die Nacht.
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