Lampenlust?
Literarischer Salon vom 31. März 2007
Lampenfieber nennt man die Aufregung, die einen vor einem Auftritt ergreift. Doch wie heißt es eigentlich, wenn bei einer gelingenden Aufführung aus Nervosität Freude, Lust und „Flow“ (1) wird? Wenn sich also die Vortragenden und die Zuschauer in ihrem Element fühlen?
Immer, wenn ich zu Beginn eines Salons die Künstlerinnen vorstelle, klopft mir das Herz: Ich will mich nicht versprechen, nichts Falsches sagen, und alle sollen sich wohl fühlen. Dieses Mal verlese ich einen kurzen, von Aldona Gustas selbst verfassten Lebenslauf, und vor allem habe ich mir vorgenommen, die Vokalistin Agnieszka Najmalowska auf Polnisch zu begrüßen. Nach drei Jahren Unterricht (!) klingt das ungefähr so: Serdecznie witam Agnieszkę Najmalowskę. Ona urodziła w 1975ym roku...
Agnieszka ist schon seit ihrer Ankunft sehr nervös, wohl weil sie sonst eben nicht a cappella sondern mit Chor und Begleitung auftritt. So läuft sie von Raum zu Raum, summt vor sich hin, konzentriert sich, sucht Zuspruch. Dann singt sie--mit kristallsamtener Stimme auf Ladino (2), auf Polnisch, auf Jiddisch anrührende Lieder aus dem Repertoire des Chors Clil, des 1. jüdischen Chors in Polen nach dem 2. Weltkrieg, den sie vor einigen Jahren begründete. Bei dem beschwingten Lied Tumbalalaika summen einige mit.
Jetzt schwenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Lyrikerin Aldona Gustas: Aufgeregt wirkt sie nicht, aber vor der Lesung hat sie sich in mein Arbeitszimmer zurückgezogen, um nicht gestört zu werden. Sie liest Liebesgedichte aus verschiedenen Bänden, die sich auch in Querschnitt. Gesammelte Gedichte 1962-1992 finden. Nach der Pause folgen Auszüge aus BerlinerTagebuchGedichte, die 2006 bei der Eremiten-Presse erschienen sind, und schließlich noch ein paar Gedichte über ihre Kindheit in Litauen.
In ihren erotischen Gedichten ist Liebe Teil des Alltags, ist spielerisch und frei, physisch konkret und doch nicht pornografisch. Einige männliche Besucher werden sich später in biografischen Spekulationen verlieren...
Die Berlin-Gedichte sind geografisch präzise, Gedichtskizzen, nummeriert von 1 bis 110, ohne Titel, Annäherungen an die neue, verwandelte Stadt. Sie erzählen vom Flanieren durch das moderne Berlin mit Sonycenter und dem Café Einstein Unter den Linden, Orten, die die Autorin wie eine Touristin abzulaufen scheint. Aber Aldona Gustas’ Berlin ist auch das ihrer persönlichen Geschichte, das der Nachkriegszeit. Es ist mit historischen Vorgängern wie Rahel Varnhagen und „der Kollwitz“ bevölkert, ist ihr Vilnius, Wien, Florenz, Paris oder andere Städte, weckt die Lust dorthin zu fahren. Es sind auch allgemeine Reflexionen über das Erleben einer anonymen Großstadt, und zum Schluss denkt die Autorin über gelebtes, möglicherweise ungelebtes und noch zu lebendes Leben nach.
Anschließend kommt es zu einem lebhaften Gespräch. Ohne jegliche Scheu bringen die Gäste ihre Fragen, Kommentare, auch Kritik vor. Aldona Gustas erzählt über ihr poetisches Verfahren, das ihrer Wahrnehmung der Welt und des Lebens entspricht, wo Handlungen weniger interessant sind als Ideen und Wörter. Und doch ist die Autorin live eine fesselnde Erzählerin, spricht über ihr Fremdsein in der immer wieder neuen Heimat, das sie genießt und braucht, über die Gründerjahre der Malerpoeten, der Frauenbewegung und vor allem auch über ihre Arbeit als Teil eines Lebens, das aus einem Guss scheint. Auf den Einwurf, dass einige Gedichte langweilig seien, erwidert sie: „Tja, dann ist das bei Ihnen nicht angekommen. Ein Glück, dass Sie nicht mein Verleger sind!“
Dann Blumen, Applaus, Musik des Chors Clil von der Konserve. Aldona Gustas muss schnell nach Hause. Wir übrigen richten uns inmitten des Stühlewirrwarrs auf einen langen Abend ein, mit noch mehr Wein und noch mehr Gesprächen.
PS Nachdem sie früher immer sehr aufgeregt war, ist meine Katze übrigens zu einer routinierten Salondame geworden, läuft gelegentlich mit prüfendem Blick durch die Reihen und bei der Lesung schließt sie die Augen.
PPS Natürlich habe ich auch andere Begriffe erwogen: Lampenfreude, Lampenseligkeit, Lampenlaune, Lampenvergnügen... Vorschläge sind willkommen.
1 Begriff von Mihaly Csikszentmihalyi.
2 Sprache der sephardischen Juden.
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