Küsse und Turbulenzen
Literarischer Salon vom 19. Mai1 2007
mit Avri Levitan, Anna Kaleri, Lara Lu Faroqhi
Für diesen Salon hätte sie sich einen Stab von Praktikanten gewünscht: nicht mal unbedingt für’s telefonieren, organisieren, koordinieren, informieren, und partout nicht für’s Bilder auswählen, Räume besichtigen, Bilder hängen, auch nicht für’s Bücher lesen, darüber nachdenken, Notizen machen, und auch das Einladungen schreiben macht ihr eigentlich Spaß. Für dieses zweijährige, zwölfte Salon-Jubiläum hatte sie mit Lust die Nachlesen der vorherigen 11 Salons in ein Büchlein umgearbeitet. Bei den Umbauten im Flur brauchte sie auch nur halten und beim Fernseher, Teppich, Tisch raus- und Stühle und Bänke reinräumen kamen Nachbarn zur Hilfe. Aber das Saubermachen vor dem Salon!
Dann Gäste begrüßen, dann bewirten, einweisen, bekanntmachen, mit den Mitwirkenden beraten und zugleich eine entspannte Gastgeberin sein? Dafür bräuchte sie eigentlich mehrere Exemplare ihrer selbst. – Sie hatte vergessen, in welchen Zeitstaffelungen sie alle auf ein besinnliches Glas Sekt bestellt hatte. Mit ihren Eltern und Lara stieß sie noch kurz auf den 45. Hochzeitstag an; doch dann begann der Hurrikan.
Avri Levitan leuchtet im weißen Hemd. Dieses Mal ist er ganz pur, nur mit seiner Bratsche. Er sitzt auf der Lehne des Opasessels, dann steht er. Johann Sebastian Bach, 1. Suite G-Dur (BWV 1007), in sechs Sätzen. Erhaben ziselieren sich die Töne in die stickige Menge, wirbeln über den Hof (und in Nachbar Markus’ Dusche). Einige Bogensaiten reißen, flattern beim Spielen durch die Luft. Zwischen den Sätzen macht er sie ab, murmelt: „Ist eben Bach.“ Die Bratsche verrät es nicht, aber man spürt: Musik ist Arbeit; besonders mit 35 Personen im Wohnzimmer. Beifall. Avri stürzt hinaus, ich stürze hinterher, ungeplant: Wir können ihn doch auch ausfragen! Er kommt zurück und spricht über die tiefe Religiosität in Bachs Musik, die ihn als Musiker berührt. Bach, sagt er, das ist so natürlich, als sei es direkt von einer höheren Gewalt. Die Suite ist eigentlich für Violoncello, und Avri hat selbst mit der Geige angefangen. Das Instrument ist eigentlich egal, meint er, aber im Publikum heißt es, Bratsche sei das schönste. Auf die Frage, warum Bach so anders klinge, ob er versuche, möglichst authentisch barock zu spielen, erwidert er: „Bei Bach kann man nicht lügen.“ Avri lebt in einer anderen Zeit als Bach, jetzt und hier, und gleich wird er mit der U8 zu seinem Besuch nach Hause fahren.
Doch noch nicht sofort: Avri packte ein und hörte noch etwas zu. Sein Armraum wurde mit Stühlen voll gestellt, immer noch nicht genug, denn man hockte auch auf dem Fußboden im Flur. Sie begann ihre Einführung; eigentlich hatte sie noch darüber reden wollen, wie sie nach Avris erstem Salonauftritt Schwierigkeiten gehabt hatte, sein Musizieren zu beschreiben, wie unzureichend ihr ihre Worte und möglichen Metaphern erschienen waren. Jetzt hatte sie an einen Kuss gedacht, an eine vollkommene, ausschließliche und doch freie Hingabe, die Berührung von Bogen und Saite, von Musiker und Musik, von Musik und Publikum... aber ach, auch das war wohl zu bemüht, zu klein, um es mit der Welt zu teilen.
Bei Anna Kaleris Debütband Es gibt diesen Mann (Luchterhand 2003) war sie um das Küssen nicht herumgekommen. „Anna küsst gern,“ hatte sie sich gedacht. Aber tun das nicht fast alle? Wenn sich auch Literatur häufig mit Männern und Frauen befasst, so wird der Kuss meistens nur erwähnt, nicht als Teil des Lebens zelebriert. Für die Erzählerin ist er ein Maß der Liebe: Eine Geschichte heißt „Der Schweizerkuss“, in anderen geht es um Kusspartner, Kussgeilheit, Küsse per Internet, die Vorherrschaft in Kussraum, kussabhaltende Lippen, sich warmküssen, die Münder zuküssen...
Der Roman Hochleben (Mitteldeutscher Verlag 2006), aus dem Anna Kaleri beim Salon liest, handelt eher von ungeküssten Küssen, die sich die Ich-Erzählerin wohl mit manchen Männern erhofft, von ihrem Warten auf den Kuss der Muse, der sie für das Komponieren ihrer Diplompartitur inspirieren soll. Dazu fährt die Hauptfigur in das fiktive Hochleben im Harz, das sie nach einem Autounfall zunächst nur aus den Krankenhausfenstern wahrnimmt. Sanft holt Hochleben sie in eine unsanfte Jugend zurück, die sie in den Nachwendejahren dort erlebt hat, ein Familiendrama mit zwiespältigem wirtschaftlichen Aufschwung und mit Tod, das im Wechsel mit der aktuellen Reise der Hauptfigur in Kapiteln in der dritten Person erzählt wird. Allmählich ergibt sich aus den Fragmenten die Geschichte, ein bisschen wie bei Dalli-Klick, allerdings bleibt sie unvollständig, weil noch einige Puzzlesteine oder Fugen fehlen. Anna liest zwei Kapitel der Rahmenhandlung; die Stühle ächzen und schwitzen.
Pause. Die Raucher verteilten sich ins Treppenhaus, die Genießer ins Arbeitszimmer zum Essen und Trinken, die Notdürftigen bildeten eine Schlange im Flur. Nachbar Markus war inzwischen angekommen und sagte: „Ich habe ein Problem. Komm’ mal mit.“ Gerade erst hatte er seine neuen Adidas-Schuhe auf der Treppe abgestellt und schon waren sie weg. Sollte sie jemand verwechselt haben? Als wir nebenan klingelten, löste sich wie vermutet alles auf: Aus Mutterinstinkt hatte die Nachbarin sie in ihren Schuhschrank geräumt.
Dann sprechen wir mit Anna Kaleri. Einige fragen nach ihrer Ausbildung am Literaturinstitut in Leipzig und ob man das Schreiben denn wirklich lernen könne. In einer Passage denkt die Erzählerin über die abgelegte Mundart der Kindheit nach, die sich ins Hochdeutsche neutralisiert hat, vielleicht ein Teil des Erwachsenwerdens. Wir diskutieren über die sozialkritischen, satirischen Aspekte des Buches, das die neunziger Jahre in einer Stadt im Osten beschreibt. Der zunächst irreführende Titel ist natürlich ironisch, denn in Hochleben geht alles den Bach hinunter, hochstaplerische Prinzen versprechen Fortschritt, jegliche Ambitionen auf ein Kulturleben wirken aus der Sicht der Ich-Erzählerin lächerlich. Als sie einem alten Verehrer begegnet, wird sie endlich aus ihrer Amnesie befreit, der Totalverweigerung gegenüber ihrer Vergangenheit. Plötzlich hat sie auch Stoff für ihre Komposition und sehnt sich nur nach einem weißen Raum. Auch Anna erzählt, dass sie manchmal Schwierigkeiten beim Schreiben erlebe und an diesem Buch zehn Jahre gearbeitet habe (wobei sie nicht erzählt, dass sie in dieser Zeit auch einen Sohn erzogen hat). Auf die Frage, wo es hingeht, meint sie, dass es sie schon noch viele Romane schreiben möchte.
Platzwechsel: Die Künstlerin Lara Lu Faroqhi zeigt sich bereit, sich in die Bilder gucken zu lassen. Seit ein paar Wochen erfüllen neun ihrer Zeichnungen unter dem Titel „Bauten und Blüten“ Wohnung und Bewohnerin mit Schönheit und Freude. Die 5 Architekturbilder im Salonraum zeigen Gebäude in Berlin, Wien und Oxford, die 4 Blumenbilder im Flur zeigen filigrane Tulpen und Gräser sowie eine kraftvolle, erotische Lilienkomposition. Die Bauten sind dynamisch und organisch, scheinen zu schweben, davonzufliegen oder zu landen, und das Postfuhramt wuchert und quillt dem Betrachter geradezu entgegen. Die Blüten wiederum sind konzentriert und filigran, beinahe intellektuell verarbeitet und wie in das Papier geritzt.
So ergibt sich die Frage, wo und wie denn ein Bild entsteht, ob im Kopf und vor dem geistigen Auge oder eben erst beim Machen. Lara, die ja nicht an einer Staffelei arbeitet, erzählt, wie das Bild aus der Arbeit mit den Händen erwächst. Das Publikum bemerkt, dass die Gebäude unten angeschnitten, losgelöst vom Kontext und ohne Menschen dargestellt sind, andere erklären ihre Emotionen auf die Bilder. Auf die Frage, wo sie sich denn jetzt sehe, zeigt sie auf die beiden neuesten Bilder über dem Sofa (Mariahilfer Kirche Wien, Postfuhramt Berlin) und sagt: „In etwa hier.“ Schließlich folgen die Einwürfe eines Besuchers zur Motivwahl (Warum all diese Neo-Bauten in Berlin? Warum nicht Italien? Warum kein Fernsehturm? usw.), der sich, unterstützt von seinem Freund, betont provokant gegen die Arbeiten ausspricht.
An dieser Stelle wird die Diskussion abgebrochen und so bleibt eine brennende Frage ungefragt und unbeantwortet, nämlich die zum Abschiedskuss: Wie trennt sich eine Künstlerin von einem Bild, das verkauft wird, das sie womöglich nie wieder sehen wird? Diese Nachlese zum Beispiel kann ich jederzeit nachlesen, mich daräber freuen, Jahre später selbst beeindruckt sein oder sie kopfschüttelnd noch einmal überarbeiten. Noch werden Laras Bilder einige Stunden hier hängen. Zwar werde ich sie zum Abschied nicht küssen, doch den Trennungsschmerz empfinde ich schon jetzt.
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