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Nachlese 25. August 2007

In Emile Zolas Roman Die Sünde des Abbé Mouret (La Faute de l’Abbe Mouret) von 1875 wird der verkopfte und depressiv leidende Priester Serge Mouret von der jungen Albine gesund gepflegt. Wichtigstes Heilmittel ist dabei ein Overkill an Sinnlichkeit: deftiges Essen, Spaziergänge in einem wilden und üppigen Garten namens Paradou (umgeben von kopulierenden Bauern), zarte Verliebtheit und intensive Erotik... Doch am Ende wird der Abbé wieder in sein Priesterleben zurückgerufen und verlässt Albine und das kurze Glück im Paradies.

Jeder Salon ist für mich eine kurze Flucht aus dem Alltag, auch wenn die Sinne höchst sublimiert angesprochen werden: Literatur, Musik, Wein, Leckereien, attraktive Gäste, und dieses Mal besonders: Blumen.

Beim Salon am 25. August 2007 ist die Einleitung kurz: Kerstin Młynkec, geboren 1958 in Totenwinkel an der Ostsee, Autorin des Erfolgsromans Drachentochter (Rowohlt 2004), Filmemacherin, Fotografin, Sorbin, Globetrotterin. Wolfgang Gretschel (*1970), Komponist, Arrangeur, Baßposaunist in Berlin, zwischen alter Musik und Jazz und Pop. Johannes von Wick (*1978), Diplom-Informatiker und freier Posaunist in diversen Formationen.

Es beginnt mit einigen Tücken der Materie: Die Autorin braucht mehr Licht, also wird eine Lampe herbeigeschafft („Das nächste Mal bitte Lampen mitbringen!“), die nach gefühlten drei Sätzen aufflackert und verglüht. Beim Glühbirnewechseln verliert sie die Fassung, und es geht ein beängstigtes Raunen durch die Reihen („Zieh den Stecker raus!“). Dann endlich: Kerstin Mlynkec liest die Erzählung „Vergiss Warschau“ aus der Anthologie Sarmatische Landschaften. Sie entschuldigt sich im Voraus für Ihren Lesestil und meint sogar, daß vielleicht jemand Anderes mitten drin übernehmen möchte. Tatsächlich stolpert sie an einigen Stellen an ihrem bildhaften, innovativen Stil und dennoch, oder wie einige sagen: gerade deshalb, hört man ihr gut und gern zu. Als sie eine Pause vorschlägt, soll sie weiter lesen; als ich ein paar Seiten später eine ansetze, werde ich dafür getadelt, und doch wollen alle kurz verschnaufen.

Nach der Pause haben die Posaunisten Wolfgang Gretschel und Johannes von Wick ihren ersten gemeinsamen Auftritt als Duo. Sie spielen kurze Stücke mit interessanten Titeln, wie z.B. „The Spinner“. Die Musik ist laut, beschwingt und fröhlich, und zwischendurch brechen die beiden kurz in Lachen aus („Insiderwitz“, sagt Wolfgang). Wolfgang, der auch als Arrangeur und Komponist arbeitet, weist auf das Stück Akkermann, Tod und Entropie von und mit Torsten Sense hin, in dem er im Oktober im Tacheles zu sehen sein wird.

Dann liest Kerstin die Erzählung zu Ende. Im Gespräch wird sie zu deren autobiografischem Gehalt befragt, zum Sorbischsein, danach, wie sie mit dem großen Erfolg und Medienecho auf ihr Debüt Drachentochter umgeht, was sie jetzt macht: Kerstin Mlynkec ist ja auch Filmemacherin und Fotografin, oft in exotischen Ländern, und arbeitet zur Zeit an einem Roman, der in Peru spielt. Dann sprechen wir mit den Musikern über ihre verschiedenen Instrumente (Baß- versus Tenorposaune) und über ihre Zukunftspläne. Nein, wirklich, die Beiden sind berufliche Partner und kein Liebespaar, auch wenn in meinem Ringen um die korrekte Sprache witzigerweise immer genau der falsche Eindruck entsteht. Abschließend spielen sie noch ein Stück von Telemann. Und es wird noch etwas sinnlicher, als ich den letzten Absatz aus Kerstins Erfolgsroman Drachentochter vorlese:

„Der Mond, voll ausgerundet, tellerte ein Guckloch in die Nachtwand. Ich saß am Ende des Bootsstegs und ließ meine Beine im Wasser stecken wie Trinkröhrchen. Ein Indianer saß rittlings hinter mir. Feinfühlig schälte er mich aus den südostasiatischen Stoffen. Seine Einbaumhände brachten meinen Körper auf tropische Temperaturen. Glatt und muskulös stemmte er sich in meinen Wellengang. Wir schlugen ans Ufer der Realität, tauschten die Körper und fickten weiter. Das wurde meinem Verleger zuviel. Er riß mich an der Schulter aus der Romanze: ‚Wenn du nichts mehr zu sagen hast, solltest du an dieser Stelle das Buch beenden.’ Ich stopfte die Buchstabenwolke in den Stadtrucksack und brachte das Manuskript zur Druckerei. Weit schritt ich aus. Federnd kam ich auf. Leicht trug ich daran. So leicht wie an meiner Kindheit, die, zu Papier gebracht, angeblich nichts mehr wiegt... ihr Arschlöcher.“

Nachdem alle noch essen, trinken, reden, rauchen, bleibe ich allein zurück und blättere in meinem Gästebuch.

Zolas Sünde des Abbé Mouret endet damit, daß die junge Albine ärmevoll frische Blumen pflückt, sich ins Zimmer stellt und am nächsten Morgen nicht wieder erwacht—ein Freitod aus Liebeskummer. Auch ich lege mich in einer Wohnung voller Blumen schlafen: tiefrote Gladiolen, dicke rosa Rosen, Teeröschen, eine Sonnenblume, eimerweise Studentenblumen, eine Marzipanrose... aber anders als Albine wache ich am Morgen beschwingt wieder auf. Und so wird es sicher bald wieder einen Salon geben!

Anmerkungen zu „Vergiss Warschau“

Kerstin Mlynkec’ Erzählung beginnt und endet in Görlitz, der historischen, vergessenen Schönheit in Schlesien/Sachsen, die weiterhin an Menschen und kulturellem Erbe verliert und sich vergebens gemeinsam mit seinem östlichen der Neiße gelegenen Teil (d.h. dem polnischen Zgorzelec) als Kulturhauptstadt Europas beworben hatte. Die Ich-Erzählerin ist eine seltene Punkerin in trostlos konservativer Umgebung, die sich mit ihrer sehr femininen Nachbarin anfreundet, mit der sie eine Radtour nach Polen unternimmt. Weit werden sie nicht kommen („Vergiss Warschau“), das wissen sie. Sie zelten in einem Dorf, indem sie zunächst freundlich aufgenommen werden. Doch als sie auf einen ehemaligen KZ-Häftling und andere NS-Betroffene treffen, begegnen sie auch Erinnerungen und Ressentiments in Form von Bedrohungen und Angriffen. Die Nachbarin reist umgehend ab; die Hauptfigur leistet noch eine Art Subbotnik im Garten der gastfreundlichen Polin. Bei ihrer Rückkehr nach Görlitz hat sich die Nachbarin aus ähnlichen Schuld- und Wiedergutmachungsgefühlen einen Indio-Liebhaber zugelegt. Doch die beiden Frauen erkennen: Verbrechen anderer kann man nicht sühnen. Zum Ende der Geschichte liefert ein weiser Obdachloser faktische Informationen über den EU-Beitritt, und die Erzählerin trifft eine Tschechin, die seitdem wieder schwarz in Deutschland arbeiten muß. Ein leicht bitter-ironischer Kommentar über schwierige Nachbarschaft, darüber wie die unvermeidliche Nähe durch die Verbrechen der Vergangenheit ihre Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit verloren hat. Obwohl die Erlebnisse der beiden Frauen eher auf die achtziger und frühen neunziger Jahre zurückverweisen und es inzwischen, vor allem seit dem EU-Beitritt, zu einer „Normalisierung“ gekommen ist, ist die Geschichte immer noch oder wieder aktuell: Jetzt sind es allerdings nicht die Opfer selbst, deren Verwundung und Scham sich in Hass äußern, sondern ein Regime der Nachfolgegeneration, das die Vergangenheit politisch instrumentalisiert. Und obwohl das auch viele Polen bedauern, ist es doch so, daß Regierungen zumeist von normalen Menschen gewählt und installiert werden und die sich dann deren Willen beugen.

Die Anthologie Sarmatische Landschaften versammelt Prosatexte und Aufsätze von Autoren mit „Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland“. In zunächst willkürlich wirkender, alphabetischer Reihenfolge ersteht allmählich jene historische Landschaft Sarmatien, zwischen Weichsel und Wolga und zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, einem Land, „das niemand mehr kennt“. Unsere östlichen Nachbarn wiederum assoziieren mit „Sarmacja“ eine nostalgisch-glorreiche Identität und Vergangenheit sowie auch eine „Welten-Gegend, in der die Geschichte grausam gewütet hat wie kaum sonst wo". Daraus sowie aus ungeklärten Wirtschaften, Politiken und Identitäten ergibt sich wenig Grund zu Optimismus. Der Band ist vor allem eine Bestandsaufnahme, eine Berichterstattung, eine Erinnerung an diese vergessene prä- bzw. postnationale Randregion, ein Appell an den deutschsprachigen Leser, den Blick auch mal nach Osten zu richten. Der Herausgeber Martin Pollack sieht darin auch Hoffnung, denn Vorurteile und Feindbilder benennen "zeugt vom Willen, sich nicht in ihnen einzurichten, sondern aus der Auseinandersetzung Energien für das Miteinander zu sammeln".

 

 
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