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Von Bobos und Bluntschlis

Salon am 1. Dezember 2007

Ein Text tritt seine Reise in die Welt an, indem ihn der Autor quasi anonym ins Unbekannte und in die Zeit hinausschickt, beflügelt vielleicht noch von einem ansprechenden Autorenfoto (wie das von Judith Hermann, das laut Helmut Böttiger--der selber nicht ganz unfotogen ist--enorm zu ihrem Erfolg beigetragen hat). Bei Messeauftritten oder Lesungen gewinnt man einen öffentlichen Eindruck von Werk und Autor, doch ansonsten ist die Beziehung zwischen Text und Leser eher intim, denn man liest meist allein und in der Stille, in einem Vakuum sozusagen, das man mit eigenen Bildern und Assoziationen füllen kann.

Der Salon ist halb öffentlich und halb intim, so dass etwas Persönlicheres stattfinden kann: Zunächst einmal erleben wir den Text, live und in der besonderen Stimme und Leseart des Autors. Vor allem aber erleben wir den Autor selbst--in seinem Text und in seinem Vorlesen, aber auch durch Erscheinung und Auftreten und im Gespräch. Und dachte ich bisher, dass man in Belletristik oder Lyrik besonders viel von sich preisgibt, so sind doch gerade beim Essay Autor und Erzähler identisch und der Autor präsentiert didaktisch-argumentativ und ohne Anspruch auf Objektivität 1:1 seine Sichtweise auf die Welt oder zumindest einen Aspekt davon.

Beim Salon, im Gegenüber mit dem Autor und seinen Texten, erhalten wir kurzzeitig Zutritt in das Denkuniversum von Guillaume Paoli. Ein Universum, in dem er jenseits von Denkschulen und Ideologien über Alltägliches und Politisches nachdenkt, wobei er Alltägliches als politisch und Politisches als alltäglich betrachtet. Die Analyse entsteht einerseits aus unerhörten und bestechend einfachen Fragestellungen (Warum ist arbeiten eigentlich so wichtig?) und andererseits aus den ungewöhnlichen Zusammenhängen, die er herstellt (z.B. zwischen Toilettenschüsseln und Politik). Seine Texte sind scharfsinnig und respektlos, doch ohne jede Polemik. Stattdessen entlarven sie mit Witz und Nonchalance. Aber vor allem, so scheint es, arbeitet der Autor ganz ohne Bluntschli!

Persönlich wird es auch insofern, als der Spieß umgedreht wird und man sich als Zuhörer direkt angesprochen fühlt. So überprüft sich wohl jeder unwillkürlich, ob er denn etwa selbst ein Bobo ist oder aber anal fixiert oder ob ihm vielleicht Beruf und Karriere viel zu wichtig sind. In „Abschied von Bobo-City“ nämlich führt Guillaume alternativ zur gentrification den Begriff der Boboisierung (aus bohème und bourgeois) ein und behauptet die Symbiose von Bobos und Prekariat. In „Der deutsche Sonderweg nach unten“ zieht er Parallelen zwischen dem deutschen Flachspülklosett und einer gewissen Tradition der Hartleibigkeit in der deutschen Politik und Kultur. In „Entlasst die Experten“ geht es um ungültige Wirtschaftsprognosen und deren Beeinflussung der Realität. Die „Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der Glücklichen Arbeitslosen“ in dem Band Mehr Zuckerbrot, weniger Peitsche (Edition Tiamat 2002) betrachten die Rolle der Arbeit in der heutigen Gesellschaft und singen ein Loblied auf die Faulheit. Abschließend liest er seine Reflektionen zur Demotivation, die er in seiner Ich-AG als Demotivationstrainer erarbeitet hat.

Mit seinen Überlegungen bringt er viele zum Nachdenken, während er bei einigen, die selbst im wirtschaftlichen Existenzkampf stehen, Entrüstung hervorruft. Denn obwohl die Glücklichen Arbeitslosen ihre Aktivitäten einstellten, als es zu viel Arbeit wurde, treffen ihre Ideen immer noch einen Nerv. In ihren Fragestellungen nähern sie sich durchaus denen einiger etablierter Theoretiker (z.B. Wolfgang Engler), während ihre Aktionen eher an die der Dadaisten oder der Fluxus-Känstler erinnern. Guillaume berichtet auch von der Erfahrung, dass seine Subversionen schnell von der Politik und den Medien aufgegriffen wurden, wodurch sie natärlich nicht mehr subversiv waren und entschärft wurden. (Stephen Greenblatt bezeichnet dieses Phänomen als subversion and containment und als unserer Gesellschaft inhärent. Die Verwässerung und Kommerzialisierung jeglicher Subversion lässt dieses Gesellschaftssystem unumstößlich scheinen. Und wie kann man es dann überhaupt noch subvertieren? Guillaume, übernimmst Du bitte...?).

Guillaume liest langsam und mit manchen Wörtern ringt er. Natürlich entstehen alle seine Texte in der deutschen Sprache und er erzählt später, wie ihm die Übersetzung ins Französische (A bas le travail! 2006 und Eloge de la démotivation 2008) einige Schwierigkeiten bereitete, da bestimmte Begriffe und Realia in der anderen Sprachwelt nicht oder nicht so existieren. Inzwischen hatte sich übrigens auch schon herausgestellt, dass die von mir zurecht fantasierte Biografie in der Einladung „etwas ungenau“ war und dass er beim scheinschlag nicht Mitarbeiter war, sondern nur 5 oder 6 Artikel beigetragen hat. Und auch meine Frage, ob er denn vielleicht in der korsischen Unabhängigkeitsbewegung aktiv gewesen sei, verneint er heftig.

Ach, und was ein Bluntschli ist? Tja, das wurde Glenn Schuetz auch gleich gefragt, nachdem er das Lied vom Herrn Wachtel vorgetragen hatte, der sich durch sein geheimnisvolles Bluntschli wichtig macht, von dem aber niemand weiß, was es ist. Mit seinen Georg-Kreisler-Liedern auf dem Akkordeon gab Glenn der Lesung gewissermaßen einen Rahmen, denn er wollte sechs Stücke spielen und so las auch der Autor ebenso viele Essays, wodurch die Diskussion am Ende etwas kürzer ausfiel. Dass Guillaumes Texte und Glenns Kreisler-Stücke irgendwie zusammenpassen, hatte ich beim Organisieren des Salons eher im Gefühl, als dass ich konkrete Übereinstimmungen und Resonanzen erwartete, doch Glenn fand nach jedem Essay eine jeweils passende Überleitung. Denn auch bei Georg Kreisler geht es um Alltägliches und um Subversion: Taubenvergiften im Park (Frühlingswalzer mit morbidem Einschlag, wobei der Kontrast zwischen schwelgerischer Melodie und fiesem Inhalt in Glenns Vortragsweise noch verstärkt wird), Telefonbuchpolka (Freude an den konsonantenreichen Namen im Wiener Telefonbuch), Ich fühl mich nicht zu Hause (Satire auf die Heimat und das Jüdischsein), 40 Schilling (der Wert des Menschen), Die Ehe (die Ehe und worüber man sonst nicht spricht) und eben Der Bluntschli (siehe oben). Georg Kreisler ist ja ursprünglich aus Wien und jetzt 85 Jahre alt, und Glenn ist Berliner und erst 1968 geboren. Und so bleiben die Lieder, die zwar einem heute weniger gängigen Genre angehören, auch heute noch aktuell.

 

 
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