Cowboys und Freiberufler
Countrysänger... das sind doch so schwermütige Einzelgänger, getrieben und suchend, die ihre Einsamkeit lieben und vielleicht ganz gern ein bisschen darunter leiden, die rauchen und trinken, obwohl das gar nicht gut für sie ist, und die deshalb gern Jesus auf und an ihrer Seite wüssten... Cowboys im Pickup-Truck, die—ihr Mädchen an sich geschmiegt—wortlos durch die amerikanische Weite gleiten, so knarzige, aber aufrichtige Typen eben, denen das Leben nichts schenkt, was sie aber mit Selbstironie und Witz nehmen. Männer wie vielleicht B. Smoked Fanto selbst, der uns Countryklassiker von Townes van Zandt über Tex Williams bis zu Johnny Cash mit Gitarre und warmer Stimme singt. „Ab heute Countryfan!“ schreibt jemand im Gästebuch und auch wir anderen sind irgendwie verblüfft und zumeist angetan. Frank Thomas (so der Klarname) erzählt uns über die Topoi der Countrymusik in den Liedern und findet Bezüge zu den Kolumnen und Essays, die die Autorin des Abends zwischendurch vorträgt. Denn Tanja Dückers ist da. Sie hat uns B. Smoked Fanto überhaupt erst mitgebracht und gemeinsam haben sie das kleine Programm zusammengestellt.
Neben ihren Debüterfolgen Spielzone (1999) und Café Brazil (2001) ist Tanja Dückers besonders auch für ihr intensives Erinnerungsschreiben bekannt geworden. In dem Roman Himmelskörper (2003) ist das Mutterwerden der Hauptfigur mit ihrer Suche nach der Rolle ihrer Familie im Dritten Reich verknüpft. Die Reise führt dabei auch immer wieder nach Polen, wo Freya in einem durch Lakritze hervorgerufenen Madeleine-Erlebnis den Freitod ihres Onkels vom Gefühl her verstehen lernt. Als sie schließlich das hässliche Geheimnis ihrer Großeltern aufspürt, wird klar, dass diese sich zwar als Opfer gaben, aber Mitläufer oder gar Mittäter waren. (Und wir? Wie ist das denn in unseren Familien? Haben wir genug gefragt? Und was macht man dann eigentlich mit so einem Wissen? An der Stelle endet der Roman nämlich...) Auch in Der längste Tag des Jahres (2006) geht es um unausgesprochene Familiengeschichte und wie die erwachsenen Kinder damit leben. Als Museumsschreiberin erzählt sie in Über das Erinnern (Virgines 2007), wie die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf greifbar erinnert. Auch in Morgen nach Utopia (Aufbau 2007) geht es in einigen Essays um das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn, aber auch zu ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart. Vor allem aber beschäftigt sich Tanja Dückers mit aktuellen Ereignissen und Themen: Sie berichtet über den Literaturbetrieb und von Reisen durch die Welt, aus Rumänien, Polen, Japan, Südkorea...
Über die Musik von B. Smoked Fanto schlägt sie auch den Bogen zu den USA, die in ihrem Leben und Schreibenn eine Art Konstante bilden. In Der längste Tag des Jahres spielt ein Kapitel in der verdörrten, aber geheimnisvollen Wüste von Utah, die eine Reduzierung auf das Wesentliche und eine gewisse Purheit bewirkt. Aber auch in ihren Essays und Kolumnen sind die USA immer wieder Bezugspunkt, mal für kritische Betrachtungen wie zum Atomtestgelände Wendover Airfield (Morgen nach Utopia), mal für politischen Probleme wie dem Drehbuchschreiberstreik in Los Angeles („Von Hollywood lernen“, Zeit Online). Seit Anfang 2008 verfasst die Autorin eine wöchentliche Kolumne für Zeit Online, aus denen sie den größten Teil der Lesung gestaltete. Dabei geht es dann wirklich um ganz aktuelle Themen, wie in „Alles nur Opfer“ (Deutsche als Opfer des Zweiten Weltkriegs), in &bdqo;Alles nur die Gene“ (Forschung entledigt uns unserer Verantwortung), „Das macht krank“ (Gesundheitswahn im Spiegel der Gesundheitspolitik), „Der Blick ins Milieu“ (Debatte um Jugendgewalt ignoriert deren soziale Wurzeln) usw. Im anschließenden Gespräch plaudert Tanja über ihren Arbeitsalltag, der u.a. auch von Bürokram und Lesungen geprägt ist, und über die Lust, sich in verschiedenen Genres (Lyrik, Prosa, Essay) simultan auszudrücken, die aber immer wieder auf Widerstände bei der Vermarktung stößt. Im Moment arbeitet sie gemeinsam mit Anton Landgraf an einem Sachbuch über die prekäre Existenz von Freiberuflern vor allem in künstlerischen Berufen—was uns, da viele im Publikum dazu gehören dürften, sicherlich aus der Seele sprechen wird.
Später, als vieles beredet und der Wein alle war, zogen all diese tapferen Desperados erst einmal in die Nacht... Bis zum nächsten Mal.
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