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Handtellergeschichten

Salon vom 5. Juli 2008 mit Gernot Wolfram

Die Te no hira shôsetsu sind ein japanisches Genre, das der Nobelpreisträger Kawabata Yasunari (1899-1972) u.a. in seinem gleichnamigen Band perfektioniert hat, eine Art Prosa-Haiku sozusagen. „Handtellergeschichten, das sind Geschichten, die auf einen Handteller passen, Kurz- und Kürzestgeschichten, witzige Farcen, expressionistische Miniaturen, irreale Traumbilder und scheinbar alltägliche Begebenheiten, die den Horizont auf ein ganzes Leben eröffnen. Trotz und gerade wegen ihrer Kürze enthalten diese meisterhaft hingeworfenen Bilder und Szenen jeweils den Kern und den Reichtum eines ganzen Romans.“ (Amazon)

Fast war es ein Salon wie ganz am Anfang 2005, pur, nur Text und Wort und Wein, in kleiner (aber ohoer!) Runde. Dieses Mal haben wir Platz, die Verpflegung steht griffbereit im Salonzimmer, der Rauchertreppenabsatz bleibt fast leer, die Stühle bleiben lautlos, alle Weingläser heil und auch am Schluss ist die Atmosphäre noch frisch. Entspannte Konzentration liegt in der Luft, falls es das gibt. Entspannte Konzentration ist vielleicht auch die Grundhaltung des Autors—ein genaues Beobachten und Registrieren, dem das Fragen wichtiger ist als das Antworten. Vielfältig sind die Betätigungen von Gernot Wolfram: promovierter Dozent und Akademiker, ehemaliger Journalist für die Berlin-Seite, Moderator und Autorenpate beim Literaturfestival, Kulturhauptstadtbewerbung Gärlitz-Zgorzelec, Kulturkarte Tirana... demnächst Kosovo. Und natürlich schreibt er.

Zunächst liest er aus seinem Debüt-Erzählband Der Fremdländer. „Am Radio“ führt uns in die blitzblanke kleine Welt des Kleinen L., der als „Exilchinese“ in Berlin fremd ist und sich in dieser Fremdheit eingerichtet hat, der—wie so viele—genau das Fremdsein und das Unerkanntbleiben in der Stadt genießt. Als Ex–Übersetzer (oder vielmehr Dolmetscher) für den Großen Vorsitzenden war Fremdheit sein täglich Brot, denn der Übersetzer/Dolmetscher macht sich Fremdes vertraut, mit dem Auftrag, es dem Leser oder Zuhörer in vertrauten Worten und Wendungen zu vermitteln. Des Nachts erkundet der Kleine L. den weiten Äther, wenn er „mit seinem Weltempfänger nach den entlegensten Programmen“ sucht. Er verliert dieses Stückchen Heimat in der Fremde und seine schwerelose Anonymität, als sich der Nachbar beim ihm über sein lautes Radiohören beschwert.

„Dörflicher Vorfall“ wurde als Handtellergeschichte verfasst. Auf knapp drei Seiten entfaltet sich eine Art Interview zwischen einem Zeugen und einem Fragenden (einem Nachbarn?, Reporter?, Polizisten?). Es beginnt mit einem Hund, der von seinem Herrchen erschossen wurde, und offenbart schließlich das Misstrauen der Alt-Dörfler gegenüber den Wochenendlern aus der Stadt, von denen sie sich ignoriert und unverstanden fühlen.

Wenn man, so wie ich, zwar Bruno Schulz und seine Geschichte und sogar seinen Heimatort Drohobycz in der Ukraine kennt, jedoch die Nachricht vom Raub seiner Fresken verpasst hat, dann wirkt die letzte Erzählung „Die Fresken“ wie eine meisterhafte Fiktion, nämlich wie die Umkehrung des durch „Arisierung“, Exil, Flucht, Auslagerung usw. erfolgten Kunstraubes. Hier geht jedoch um eine tatsächliche Begebenheit: In einer umstrittenen Aktion entfernte die Organisation Yad Vashem 2001 aus einer Villa in Drohobycz die Fresken, die Bruno Schulz kurz vor seinem Tode für den ihn protegierenden Gestapooffizier angefertigt hatte. Hier liest es sich ein bisschen wie ein bedachtsamer Psychokrimi (wie bei Patricia Highsmith?), in dem wir in die Gedankengänge der Täter und somit auch in ihr kaum vernehmbares Unbehagen über diese Heimholung nach Israel eingelassen werden.

Die ansonsten sehr überschwängliche Kritik auf sein Debüt rügte den Autor für die Verarbeitung dieses Themas. Doch Gernot Wolfram denkt, fragt und schreibt nun einmal genau da weiter, wo andere aufhören mögen, weil es eben doch noch ungesprochene Tabus gibt. In seinem Roman Samuels Reise geht es zwar zunächst um einen gleichsam im 18. Jahrhundert seines Originals lebenden Boswell-Übersetzer (und somit eher ein Fantasiebild eines solchen), der mit dem Zwölfjährigen seiner Freundin nach Polen reist. Die dortigen Kontakte und eine neue Liebe, die er auf der Suche nach dem entflohenen Jungen findet, holen ihn zu seiner Überraschung ganz in die Gegenwart und in ein unbekanntes modernes Nachbarland. Und wie es so ist, lugt in diesen deutsch-polnischen Verhältnissen auch immer wieder die Vergangenheit des Dritten Reiches hervor; ganz nebenbei zeigt sich, wie schwer diese noch vermittelbar ist und deshalb zuweilen zwangsläufig (?) kommerzialisiert und inszeniert wird.

Der noch unveröffentlichte Roman, aus dem Gernot nach der Pause liest, hat das Attentat auf die Synagoge in Djerba 2002 zum Thema, bei dem auch einige Deutsche ums Leben kamen. Auch hier geht es um Hochexplosives, an der Schnittstelle von Judentum und Islam, von Tourismus und Politik, und um Schuld und Vergebung aus deutscher Sicht und auf privater Ebene. Das Buch erscheint spätestens im Frühjahr bei der Deutschen Verlagsanstalt (wie übrigens auch die anderen Bücher).

Im anschließenden Gespräch fragen wir nach seinem Interesse an Jüdischem (so auch in seiner Dissertation zu Paul Celan und Chajim N. Bialik und in einer Monographie über Paul Mühsam), nach seiner Arbeitsweise und über den scheinbaren Gegensatz zwischen postkolonialen Sujets und beschreibendem Erzählen, das im Stil des 19. Jahrhunderts mit Details verführt und fesselt. Als das Gebäck immer lauter knistert, beende ich die offizielle Runde, doch trotzdem reden wir im Kreise weiter bis in die Nacht. Auch der Wein ist dieses Mal deliziös und reichlich. Alles in allem ein kleiner Abend, in dem vieles scheinbar beiläufig und doch intensiv zur Sprache kommt...

Oder wie Christina im Gästebuch bemerkt: „Es war ein Abend wie eine Handtellergeschichte—nicht zu schwer und nicht zu leicht“.

 

 
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