„Mein Schicksal erfüllt sich da im Dreck!“
...brüllt Plessing in der dritten Szene und in Eske Bockelmanns Interpretation echot es über den Hof (auch ich möchte dies manchmal aus dem Fenster schreien). Doch beginnen wir ganz von vorn:
1777 reiste der 28jährige Goethe in den Harz und verbrachte den Abend des Mittwoch, 3. Dezember, in Wernigerode inkognito mit dem gleichaltrigen Friedrich Viktor Lebrecht Plessing. Ein Wiedersehen mit Plessing während der Campagne in Frankreich von 1792 inspirierte ihn, eine Art später Nachlese über diese Begegnung zu verfassen.
Plessing war ein abgebrochener Jura- und Theologiestudent, der bei seinen Eltern im Wernigeroder Pfarrhaus von St. Silvester lebte. Er gehörte zu jenem „brieflichen und persönlichen Zudrang“, der Goethe nach Erscheinen seines Briefromans Die Leiden des jungen Werther (1774) ereilt hatte. Doch Plessings Brief, „vielmehr ein Heft“, war „fast das Wunderbarste was mir in jener selbstquälerischen Art vor Augen gekommen; man erkannte daran einen jungen, durch Schulen und Universität gebildeten Mann, dem nun aber sein sämtlich Gelerntes zu eigener, innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte.“ Das Selbstquälerische ist ja laut Goethe eine deutsche Eigenart, die sich in Ermangelung der humoristischen Ironie der Briten in der Zeit eines langen und glücklichen Friedens herausgebildet hatte (Sound familiar?).
Der Werther habe also „keineswegs, wie man ihm vorwarf, eine Krankheit, ein Fieber erregt, sondern nur das Übel aufgedeckt, dass in jungen Gemütern verborgen lag“. Und auch Plessing waren zwar alle guten Wünsche in seinem Namen mit auf den Weg gegeben worden—Friedrich! Viktor! Leberecht!—, doch hatte er mit dem Leben so seine rechten Schwierigkeiten. Es lag wohl an der mangelnden „Herzenssagazität“, dass Plessing Goethe nicht erkannte und aber auch, dass er vergebens nach einem glamouröseren Dasein strebte und mit sich und der Welt haderte. Goethes Diagnose: Steht sich selbst im Weg, nimmt sich selbst zu wichtig! Die empfohlene Therapie: Raus in die Natur! Plessings Drängen „nach leidenschaftlicher Freundschaft und innigster Verbindung“ wollte er nicht erwidern und empfand doch das ihrige als ein „sentimental-romanhaftes Verhältnis“.
Mehr als 200 Jahre später hat Thomas Huber dieses Zusammentreffen in einem Theaterstück verarbeitet, das im Salon eine kleine Premiere hatte. Vorhang auf für Plessing oder der magnetische Traum von Thomas Huber.
Personen:
PLESSING erfolgloser Schriftsteller, 27 Jahre alt (es liest Eske Bockelmann)
GOETHE erfolgreicher Schriftsteller, 27 Jahre alt (es liest Thomas Huber)
LILI Bedienung, 19 Jahre alt (es liest die Salonnière)
Vor Beginn probieren wir verschiedene Sitz- und Lesekombinationen aus. Eske und Thomas fädeln mit vereinter Kraft die richtige, und dann doch falsche Fassung in meine antike Klemmmappe ein. Im Publikum finden sich mit John Pizer und Eric Denton zwei ausgewiesene Goetheexperten.
Dem Stück vorangestellt sind die drei Strophen über Plessing aus dem Gedicht Harzreise im Winter. Thomas Huber liest. Eske, der den Abend ein wenig choreographiert, gebietet uns kurz innezuhalten. Zeile für Zeile geleitet er uns noch einmal durch die Verse, bevor sie Thomas dann noch einmal liest.
In der ersten Szene wird mein rotes Sofa zum Vorplatz eines Wirtshauses im Harzerischen Wernigerode. Plessing und Lili agieren in einer scheinbar gewohnten Konstellation. Er gibt den gelehrten Zyniker, der sein übellauniges, düsteres Versagertum mit einer gewissen Lust auslebt. Sie ist jung, pragmatisch und doch fürsorglich. Ob sie weiß, dass sie Plessings heimliche nächtliche Wunschvorlage ist? Unter einem Vorwand trifft Goethe auf Plessing und vertrinkt den Abend mit ihm. Dieser fragt den „Zeichenkünstler von Gotha&ldquo nach Goethe aus. Goethe ist geduldig und einfühlsam, nimmt Plessing und dessen Bekümmernisse und Frustrationen ernst. Und schlägt ihm für den nächsten Tag einen Ausflug vor.
Zweite Szene. Im wahren Leben ist Goethe am Morgen nach der Zusammenkunft kurz entschlossen abgereist, doch hier unternehmen die Beiden die Ersteigung des Brockens, des höchsten Gipfels des Harzes. Für sein unwirtliches Klima bekannt wird der Aufstieg für Plessing und Goethe zum Extremsport, der dennoch Zeit für Frotzeleien, philosophische Erörterungen und ein vermeintliches Orakel lässt. Etwas hilflos und gutmütig versucht Goethe, Plessing Selbstvertrauen und Zuversicht, Lebenshilfe zu vermitteln. Die Nacht verbringen sie aneinander gedrängt auf dem Berg. Als Plessing entdeckt, dass Goethe Goethe ist, dreht er den Spieß um und lässt dessen Leben kurzzeitig an seidenem Faden hängen.
Pause.
Beim Abstieg am nächsten Tag (in der dritten und vierten Szene) und bei der Begegnung Jahre später in Goethes Gartenhaus (im Epilog) verwischen Fantasie und Wirklichkeit, denn immer wieder erscheint ihm Lili, und Hand in Hand verlassen sie schließlich die Szenerie. Und in echt ist ja schließlich aus Plessing, so wissen wir von Goethe, doch noch ein ganz ordentlicher Professor und Schriftsteller geworden.
Warum Goethe das persönliche Treffen suchte, obwohl er bloße Achtung und Teilnahme empfand, obwohl Brief wie Person zwar Interesse erregte, ohne Anziehungskraft auszuüben? In seinem modernen, mit Goethe-Zitaten gespickten Text gibt Thomas Huber eine Antwort, die Goethe selbst höchstens angedeutet hatte. Der wunderliche Plessing war zwar gewiss kein Alter Ego, doch mag er als willkommenes „sounding board“ (Resonanzkörper) für Goethe eigenes seelisches und intellektuelles Befinden fungiert haben. Zu frühem,üüberraschendem Ruhm gelangt, war Goethe von Selbstzweifeln nicht frei und sein Inneres war damals „in einem liebevollen Zustand“. So wirkt Goethe für seine jungen Jahre sehr weise und liebenswürdiger, als wir ihn sonst kennen.
Thomas Hubers Anstoß zum Verfassen des Stücks war die Erkenntnis: „Ich bin wie Goethe!“ Dabei ist er natürlich vor allem Schauspieler: Im September spielt er den Nicolas Sarkozy in der Uraufführung des Stücks Tasmanien von Fabrice Melquiot in den Kammerspielen Bad Godesberg. Er ist auch in Film und Fernsehen aktiv, so war er eine der Hauptfiguren in dem in Deutschland verbotenen Der Kannibale von Rothenburg, über den wir ein wenig reden, und in Kürze auch in einem Tatort mit dem Titel &bdqo;Schwarzer Peter“. Der Plessing wird 2009 im NDR als Hörspiel produziert. Thomas Huber hat verschiedene Stücke verfasst und übersetzt; seine Prosatexte sind zumeist noch unveröffentlicht. Spätestens in drei Jahren, so verspricht er, wird er hoffentlich mit einem neuen Text zu Gast sein.
Wir schwenken unsere Aufmerksamkeit auf Eske Bockelmann, Autor der Propädeutik einer endlich gültigen Theorie von den deutschen Versen (1991) und Herausgeber der Metrikvorlesung des Frühhumanisten Peter Luder (1984). Zunächst etwas zurückhaltend fasst er für uns zusammen, was er in seinem 2004 erschienenen, hoch beachteten Werk Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens auf 500 Seiten dargelegt hat. Seine These, die einen Zusammenhang zwischen unserem modernen Rhythmus und dem Geld herstellt, trifft auf viele neugierige Ohren und provoziert ein intensives Gespräch, obwohl es schon spät ist. Im Moment arbeitet Eske an einer Fortsetzung zu diesem Buch.
Dies war der 18. Salon, aber es war der erste, bei dem wir ein komplettes Theaterstück gelesen haben. Aus dem Hier und Heute führte uns der Text (wie auch Eske Bockelmanns Theorie) in unsere Literatur- und Kulturtradition zurück, die uns im Alltag irrelevant und fern erscheinen mag. Und doch ähneln unsere heutigen Befindlichkeiten und Fragestellungen durchaus den damaligen. Thomas Huber gelingt dies in einer frischen, doch poetischen Sprache („Der Mond zieht die Mütze vom Gesicht“ heißt es z.B. in einer Regieanweisung) und seine Stimme und sein Lesen generieren ihm beim Salon einige neue Fans.
Blau-gelb, die Farben Werthers und der Wertherianer, trug niemand an diesem Abend. Dafür spielte ein rotes Kleid eine kleine Rolle... und am Montag danach sandte mir eine Stammbesucherin folgende Zeilen aus einer Ausstellung von Ruprecht Geiger:
Rot ist „die“ Farbe. Rot ist schön.
Rot ist Leben, Energie, Potenz,
Macht, Liebe, Wärme, Kraft.
Rot macht high.
Mit ihrer Fähigkeit zu stimulieren
ist sie in machtvoller Funktion.
Rot ist im Spektrum des Sonnenlichts...
In diesem Sinne... bis zum nächsten Mal.
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