Meta-Salon am 25.April 2009
Selbstreferentiell?!
„Sagt mal, findet Ihr Euch nicht arg selbstreferentiell?“ hieß die von einem abwesenden Stammgast (im Salonjargon: Habitué) per Postkarte eingesandte Frage. Nö! wollte ich ihm antworten—und doch kristallisieren sich in dieser Frage gleich zwei Besonderheiten meines Salons, die ihn möglicherweise von allen anderen auf der ganzen Welt unterscheiden.
Sie ist nämlich erstens ein--hier auf Postkarte fossilisiertes--Prachtexemplar der spontan gestellten und dennoch zur Institution gewordenen fiesen Frage. Diese FF entfaltet eine Sprühkraft, die nicht nur zähe Friede-Freude-Eierkuchen-Salonharmonie torpediert, das Publikum beunruhigt und dadurch die Stimmung belebt, nein, sie ist tatsächlich zumeist völlig passend und dadurch äußerst produktiv.
Zweitens war und ist die Frage der Nabelschau in der Ahnenreihe wie auch unter den zeitgenössischen Mitstreitern/innen wohl nur selten Anlass für einen Metasalon, in dem der Salon explizit thematisiert wird. Dabei, so erfahren wir im Laufe des Abends, war das Selbstreferentielle durchaus Merkmal der historischen Salons.
Und wir beginnen historisch. Cornelia Saxe hat einen formschönen, antiken Diaprojektor mitgebracht, mit dem sie uns von einer Stehleiter Salonbilder von den Ursprüngen bis zu den Neunzigern an die Wand wirft.
Für Hannah Lotte Lund ist dies der erste Salon ihres Lebens. Sie liest und erzählt aus ihrem Buch Die ganze Welt auf ihrem Sopha..’.: Frauen in europäischen Salons, trafo verlag 2004, und aus ihren Recherchen für ihre Dissertation zu jüdischen Salons in Berlin. In meiner Einleitung hatte ich auf ihren schönen Aufsatz über die Windbeutel* verwiesen, d.h. jene Herren, die bei den jüdischen Salonnièren des 18./19. Jahrhunderts ein und aus gingen und sich doch hinter dem Rücken über sie mokierten. Windbeutel war dabei wohl das zeitgenössische Äquivalent für den französischen fanfaron (Aufschneider, Prahler), wohingegen ja mein bevorzugter Winterimbiss ein chou à la crème ist (Sahnekohlkopf). Eine fanfaronnade (Prahlerei) nannte übrigens der preußische König Friedrich II. das Neue Palais im Garten von Sanssouci, das 1769 von Preußen als Großmacht k6uuml;nden sollte, obwohl es sich im Siebenjährigen Krieg sehr verausgabt hatte. Doch zurück aufs Sofa.
Wir hören über die Berliner Salonnièren Henriette Herz (die Schöne) und Rahel Varnhagen (die Kluge), die sich als Frauen, Bürgerliche und Jüdinnen ihren Platz in einer Gesellschaft schufen, die für sie eigentlich keinen Platz hatte, so dass dieser auch immer wieder in Frage gestellt werden konnte. Ihre französischen Vorläuferinnen (Marquise de Rambouillet, Madame de Scudéry usw.) hatte ihre Salons in Nähe aber auch in Abgrenzung zum königlichen Hofe gegr6uuml;ndet, während sich die Kreise der Blaustrümpfe in London durch ihre Geschlechtermischung und durch ihre wirksamen Netzwerke auszeichneten. Hannah Lotte Lund ist eine witzige Erzählerin, die sich immer wieder im Zwiegespräch mit der zweiten Salonexpertin wieder findet.
Doch zunächst Musik. Olaf Ruhl war der grßße Unbekannte beim Salon. So viel wusste ich: Er ist ausgebildeter, aber nicht praktizierender evangelischer Theologe, der sich mit jüdischer Musik, jüdischen Bräuchen und mit den Weltreligionen überhaupt beschäftigt (u.a. als Dozent an der Volkshochschule). Er bringt uns jiddische Lieder mit Gitarre oder Akkordeon vor: „Scholem sol sajn“ (Frieden soll sein), „Wilne“ (heute: Vilnius), „Dos Kelbl“ (Das Kälbchen), „A gute Woch“ und „S’is finster in Gass“. Zwischen den Liedern spricht er über ihre Geschichte und über seine eigene Entdeckung der jüdischen Musik und der jiddischen Sprache. Er erzählt uns auch von der schmerzlichen Leerstelle, die das ungewisse Wissen um die jüdischen Wurzeln seiner Urgroßmutter hervorruft, über die er in der Familie vor allem Schweigen vorgefunden hat. Die Musik beschwingt, wie es Worte nur selten können, und hat doch einen nachdenklichen Widerhall.
Dann liest Cornelia Saxe aus ihrem Buch Das gesellige Canapé: Die Renaissance der Berliner Salons, Quadriga 1999**, und berichtet über verschiedene Salonbesuche, u.a. auch bei Nicolas Sombart. Das ist aufschlussreich und unterhaltsam, doch hält die Autorin den Salons auch rabiat den Spiegel vor, und bemerkt, dass der Begriff Salon heute für ganz verschiedene Kulturveranstaltungen verwendet wird. Für einen gelungenen Salon hat sie zehn Thesen erarbeitet, von denen ich mir noch etwas abgucken werde, z.B. das mit den jungen Männern als Teejungfrauen oder das mit der verschwiegenen Kupplerin...
Vor der abschließenden Diskussion fragt mich Cornelia nach meinen schönsten und meinem schrecklichsten Salon—und ich nenne ihr ein und denselben: den 19.5.2007, Salonjubiläum mit Avri Levitan, Anna Kaleri und Lara Lu Faroqhi. Mit den Stammgästen reminiszieren wir noch über andere besondere Salons, und dabei sind sie eigentlich wirklich alle, jeder für sich, ganz besonders. So wie dieser hier auch.
Hannah Lotte Lund nennt die „Zweckfreiheit“ als hervorragendes Merkmal eines echten Salons und Cornelia Saxe bezeichnet ihn als „inszenierte Gegenwelt“. Eine zweckfrei inszenierte Gegenwelt war auch dieser Salon, eine Auszeit aus dem Alltag, bei der wir ohne Ergebnisdruck über Bücher, über die Geschichte, also über das Leben sinnieren konnten.
* Hannah Lotte Lund. „Utopie. Salonlöwen und andere Windbeutel: Schrankenlose Kommunikation im Berliner Salon?“ Makom. Orte und Räume im Judentum. Real. Abstrakt. Imaginär. Hrsg. von Michal Kümper, Barbara Rösch, Ulrike Schneider und Helen Thein. Georg Olms Verlag, 2007.
** Außerdem von Cornelia Saxe: Amsterdamer Clit Clip (1994), in Koproduktion Bar-Geld-Los (1995), zahlreiche Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, Radiosendungen.
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